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Wenn man ein Problem leugnet…

Einmal abgesehen davon, dass die Überschrift des unten zitierten Artikels aus der FAZ –  „Terrorismus und Islam hängen zusammen “ – eine Blabla-Überschrift darstellt, die das informierende Interview mit einem wirklich informierten muslimischen Gelehrten nicht verdient hat, zeigt die Reaktion im „Netz“ und den „sozialen Medien“, dass der Artikel vor allem von solchen Leuten zitiert und gelobt wird, die den Islam lieber grundsätzlich als Terror-Religion einstufen und verbieten würden

.Der tapfere Haji Staquf als Kronzeuge  dieser Leute könnte einem fast leid tun, wenn er nicht ein lebendiger Kronzeuge der gewaltigen und leider auch gewalttätigen  Auseinandersetzungen  der Gesellschaften des muslimischen Kulturkreises wäre. Der Islam ringt dort um seine weltanschaulich-religiöse Bedeutung für die moderne Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Islamischer Fundamentalismus – auch Islamismus genannt – möchte die Muslime des 21. Jahrhunderts  in eine Lebensform und Weltanschauung des 7. Jahrhunderts zurück zwingen, die sie als die gottgewollte und einzig gültige propagieren.

Kyai Staquf kommt aus Indonesien, einem Land, das bei seiner Gründung 1945, sich bewusst  eine säkuläre Verfassung gab, die das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Kulturen garantieren sollte, ringt heute auf vielen Ebenen um die Gültigkeit dieser Verfassung „Pancasila“. Kyai Staquf steht als Generalsekretär der NU (Nadlatul Ulama) und Verteidiger eines modernen Islam in  vorderster Front gegen die fundamentalistischen Strömungen in seiner Heimat. Klartext sei auch in Europa angesagt, mahnt er. Der Deckmantel der Religionsfreiheit sollte einem fundamentalistischen Islam nicht zugestanden werden. (KS)

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) – 19.08.2017  (Printausgabe)

Terrorismus und Islam hängen zusammen

Ein Interview von Marco Stahlhut  (FAZ)                                      

Wenn Bomben Terror in die Städte bringen, sind meist Muslime die Täter. Das hat seinen Grund, und der Westen muss anders damit umgehen als bislang üblich.

Kyai Haji Yahya Cholil Staquf stammt aus einer sunnitischen Gelehrtenfamilie. Er ist Generalsekretär des Obersten Rats van Nahdlatul Ulama, der größten muslimischen Vereinigung Indonesiens, das wiederum das Land mit den meisten Muslimen ist. Nahdlatul Ulama gibt ihre Mitgliederzahl mit fünfzig Millionen an und versteht sich zumindest in Teilen als moderat. Yahya Cholil Staquf gehört dem spirituell orientierten Flügel der Organisation an. F.A.Z

Im Westen gibt es viele Politiker und Intellektuelle, die sagen, dass der islamistische Terror nichts mit dem Islam zu tun habe. Was sagen Sie als führendes Mitglied der wohl größten sunnitischen Massenorganisation der Welt dazu, der indonesischen Nahdlatul Ulama?

Westliche Politiker sollten aufhören, zu behaupten, Extremismus und Terrorismus hätten nichts mit dem Islam zu tun. Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen Fundamentalismus, Terror und Grundannahmen der islamischen Orthodoxie. Solange wir darüber keinen Konsens erzielen, so lange werden wir keinen endgültigen Sieg über die fundamentalistische Gewalt im Islam erreichen. Radikalislamische Bewegungen sind doch nichts Neues. Auch in der indonesischen Geschichte gab es sie immer wieder. Ich bin selbst gläubiger Muslim. Der Westen muss aufhören, das Nachdenken über diese Fragen für islamophob zu erklären. Oder will man mich, einen islamischen Gelehrten, auch islamophob nennen?

Welche Grundannahmen des traditionellen Islams sind problematisch?

Drei Bereiche, wir nennen sie die „centers of concern“, sind besonders wichtig.               Erstens das Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen. Zweitens das Verhältnis von Muslimen zum Staat. Drittens das muslimische Verhältnis zum Recht.

Fangen wir mit dem Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen an. Was ist am traditionellen Verständnis davon problematisch?

In der klassischen Tradition ist das Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen eines von Segregation und Feindschaft. Dafür mag es Gründe gegeben haben im Mittelalter, als die islamische Orthodoxie sich konsolidiert hat, aber heutzutage ist eine solche Lehre schlicht unvernünftig. Sie macht ein friedliches Leben von Muslimen in den multikulturellen, sen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts tendenziell unmöglich.

 Das sind harte Aussagen. Kämen sie von einem westlichen Politiker, würde ihm womöglich Rassismus vorgeworfen.

Ich sage nicht, dass der Islam das Einzige ist, was die muslimischen Minderheiten im Westen dazu bringt, ein mehr oder weniger segregiertes Leben abseits der Mehrheitsgesellschaft zu leben. Es mag weitere Faktoren auf der Seite der Gastgebergesellschaft geben, Rassismus zum Beispiel, wie überall. Aber jedenfalls ist der traditionelle Islam, der eine Haltung von Segregation und Feindschaft gegen-über Nichtmuslimen fördert, ein wichtiger Grund.

Nun zum zweiten Punkt, dem traditionellen muslimischen Verhältnis zum Staat.

In der islamischen Tradition ist der Staat als universaler, einheitlicher Staat für alle Muslime konzipiert, mit einem Einzelherrscher an der Spitze, der die muslimische gegen die nichtmuslimische Welt vereinigt.

Zumindest in dieser Hinsicht ist der Ruf von radikalen Kräften wie dem IS nach einem Kalifat also nicht unislamisch?

Nein, in dieser Hinsicht entspricht der IS der Tradition. Aber wir leben in einer Welt von Nationalstaaten, und jeder Versuch, im 21. Jahrhunderts einen einheitlichen islamischen Staat zu schaffen, kann nur zu Chaos und Gewalt führen.

Der dritte Bereich problematischer Grundannahmen des traditionellen Islams betrifft das Verhältnis zum Recht.

Viele Muslime setzen voraus, dass es eine Gruppe fester, unveränderlicher islamischer Gesetze gibt, auch bekannt als Scharia. Auch das steht im Einklang mit der Tradition, aber es führt zwangsläufig zu Konflikten mit den Gesetzen von säkularen Nationalstaaten. Wir müssen dahin kommen, dass ein Verständnis, das die traditionellen Normen der islamischen Rechtslehre absolut setzt, als falsch gilt. Religiöse Werte und soziale Realität müssen zueinander passen. Und es muss glasklar sein, dass die staatlichen Gesetze Vorrang haben.

Was muss man dafür tun?

In Indonesien waren wir schon einmal so weit, dass sich eine kontextualistische Lesart dieser Grundannahmen im Islam durchgesetzt hatte. Dass indonesische Muslime also mehrheitlich der Meinung waren — ich denke, auch noch sind —, dass bestimmte im Mittelalter entstandene Grundannahmen der Tradition im Kontext ihrer Entstehungszeit verstanden werden müssen, aber bitte nicht als Handlungsanweisung für die Gegenwart. Darüber müsste möglichst weltweit ein Konsens hergestellt werden.

Wie könnte das gelingen?

Wie wir aus der Geschichte wissen, werden Fragen darüber, welche theologischen Interpretationen die richtigen sind, nicht rein theologisch entschieden. Das sind Kämpfe um Autorität, sie haben eine stark politische Dimension. In den Ländern, in denen Muslime eine Mehrheit darstellen, benutzen politische Eliten ihn als Waffe zur Durchsetzung ihrer eigenen Ziele, auch in Indonesien.

Kann man aus Ihrer Perspektive überall auf der Welt eine ähnliche Politisierung des Islams diagnostizieren?

Ich glaube nicht, dass es in europäischen Ländern wie Belgien, Großbritannien oder Dänemark weniger große Probleme in dieser Hinsicht gibt als in Indonesien. Zu viele Muslime sehen die Zivilisation, das friedliche Zusammenleben von Menschen verschiedenen Glaubens, als etwas an, das bekämpft werden muss. Und ich glaube, dass viele Europäer das spüren. Es gibt doch eine immer größere Unzufriedenheit im Westen, was die dortigen muslimischen Minderheiten angeht, eine steigende Furcht vor dem Islam. In diesem Sinne sind auch einige westliche Freunde von mir islamophob. Sie haben Angst vor dem Islam. Wenn ich ehrlich bin, dann kann ich das verstehen.

Was sollte der Westen tun?                                                                                                                                                                                                                                                      Der Westen kann den Muslimen keine moderate Interpretation des Islams aufzwingen. Aber die westlichen Politiker sollten aufhören zu erzählen, dass Fundamentalismus und Gewalt nichts mit dem traditionellen Islam zu tun hätten. Das ist schlicht falsch.

Aber westliche Politiker, die so argumentieren, haben zumindest einen guten Grund dafür: Sie möchten eine Spaltung ihrer Gesellschaften in Muslime und Nichtmuslime nicht noch befördern, möchten nicht zu Rassismus gegenüber Muslimen beitragen.

Diesen Wunsch teile ich. Das ist sogar ein Hauptgrund, warum ich mich so deutlich äußere. Aber so wird das nicht funktionieren. Wenn man ein Problem leugnet, kann man es nicht lösen. Man muss das Problem benennen und sagen, wer und was dafür verantwortlich ist.

Über den Beitrag der islamischen Tradition zu den aktuellen Problemen haben wir geredet. Welche Akteure tragen darüber hinaus zur Zuspitzung der Lage in den letzten Jahren bei?

Was jetzt hinzukommt, ist, dass Saudi-Arabien und andere Golfstaaten überall in der Welt massenhaft Geld verteilen, um ihre ultrakonservative Version des Islams zu verbreiten. Der Westen muss Saudi-Arabien endlich ernsthaft unter Druck setzen, damit aufzuhören.

Was für ein Ziel verfolgen die Saudis denn aus Ihrer Perspektive?

Es sind auch politische Ziele. Saudi Arabien und Iran konkurrieren miteinander um die Vorherrschaft, geopolitisch wie religiös. Iran ist schiitisch. Deshalb ist es für Saudi-Arabien politisch hilfreich zu betonen, dass Schiiten Ungläubige wären. Aber wenn man zugleich alle Ungläubigen zum Feind erklärt, der vernichtet werden darf, bleibt es bei den Schiiten als Gegnern natürlich nicht stehen. Iran unternimmt im Übrigen etwas Ähnliches wie die Saudis, nur in der schiitischen Welt. Aber vor allem die saudische Strategie einer Verbreitung van Wahhabismus und Salafismus hat die Welt in ein Pulverfass verwandelt.

Glauben Sie, dass es noch gelingen kann, das Steuer herumzureißen?

Es hat schon bessere Zeiten gegeben (lacht traurig). Aber wir müssen es zumindest versuchen.

Ich vermute,  Sie und Ihre Organisation sind gefragte Gesprächspartner der Politik im terrorgeplagten Westen?

Wissen Sie, ich bewundere westliche, insbesondere europäische Politiker. Sie denken so wunderbar humanitär. Aber das allein reicht nicht. Wir leben in einer Zeit, in der man realistisch denken und handeln muss.

Das ist eine sehr diplomatische Antwort.

Europa hat aus seinen Fehlern in der Vergangenheit immer noch nicht gelernt. Als ich zuletzt in Brüssel war, habe ich gesehen, wie eine Gruppe arabischer, viel-leicht auch nordafrikanischer Jugendlicher Polizisten bedrängt hat. Meine belgischen Freunde haben gesagt, das sei schon fast alltäglich in Belgien. Warum lässt man das zu? Was macht das für einen Eindruck? Jetzt nimmt Europa, nimmt Deutschland massenhaft Flüchtlinge auf — verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich darf man die Augen nicht vor Not verschließen. Aber man nimmt Flüchtlinge auf, über die man nichts weiß, die am sehr problematischen Gegenden stammen. Extremisten sind nicht dumm.

Ich vermute, wir sind uns einig darin, dass es einen harten rechten Rand in westlichen Gesellschaften gibt, der auch einen moderaten, kontextualistischen Islam ablehnen würde, einfach weil es sich um eine fremde Religion handelt . . .

. . . und es gibt einen harten linksliberalen Rand im Westen, der jedes Nachdenken über die Zusammenhänge zwischen traditionellem Islam, Fundamentalismus und Gewalt als islamophob denunziert. Das muss endlich aufhören. Wie gesagt: Ein Problem, das geleugnet wird, kann nicht gelöst werden.

© FAZ  Das Gespräch führte Marco Stahlhut.

 

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NUR EIN ROMAN – ODER DOCH ETWAS ANDERES?

Navid Kermani: DEIN NAME

Wirklich nur ein Roman  –  oder doch etwas Anderes?

 Das im Jahre 2011 erschienene Buch von Navid Kermani – von der deutschen Literaturkritik einmütig gefeiert  – verdient auch sechs Jahre danach eine Würdigung und auch weiterhin viele Leser.  Wobei man als Leser allerdings schon ein hartnäckiges literarisches Interesse  mitbringen muss, um  nicht irgendwann auf halber Strecke das 1229 Seiten dicke Buch aus der Hand zu legen, das keine Überschriften und keine Kapitel kennt, sondern nur gelegentliche Absätze und graphisch extra ausgeführte Nachrufe auf Verwandte und Freunde. In diesem „Roman“  wird keine Geschichte erzählt, in der die Handlung bei Punkt A beginnt und bei Z zu Ende ist, und man den Schluss nicht verstehen kann, wenn man den Anfang effeff  nicht gelesen hat. Nein, es ist sehr viel schwieriger, und Kermani wollte das offenbar so. Der Autor möge mir verzeihen, wenn ich ihn da missverstanden habe.

Ein fiktiver Romanautor lässt uns nämlich an einem monströsen Projekt teilhaben: einer möglichst getreuen Dokumentation über sein Leben zwischen den Jahren 2006 und 2010, tagebuchartig und manchmal minutengenau. Die unablässig laufende literarische „Überwachungskamera“ dokumentiert besagten Autor über diese Jahre hinweg in seinen verschiedenen Beziehungsfeldern, die häufig miteinander in Konflikt sind, beziehungsweise aufeinander abgestimmt werden müssen –  der Versuch also, unser alltägliches Leben als nicht endende Herausforderung der sich oft widerstreitenden Wünsche, Bedürfnisse und Pflichten zu beschreiben. „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“, wie der Philosoph Precht ein Buch betitelte.  Da lebt jemand als Schriftsteller in Köln und Rom, ist Migrant, Islamexperte, Berichterstatter, Fußballfan, Ehemann, Vater, Sohn, Bruder, Freund, Schwiegersohn, Enkel, um nur die wichtigsten Identitäten zu nennen, die ihn in Beschlag nehmen.

Unser  Protagonist, der fiktive Romanautor, ist also nicht irgendjemand, sondern ein in Deutschland aufgewachsener Sohn iranischer Eltern, der als deutscher Schriftsteller in Deutschland sein Brot für sich und seine Familie verdienen will. Und hier wird es spannend. Denn die Figur des fiktiven Romanautors könnte man dann eigentlich einfach Navid Kermani nennen, auf den ja alle der genannten Merkmale passen. Und es wäre wirklich schade, wenn alles Erzählte nur ein Roman, fiktive Literatur wäre. Schade, wenn das hochinteressante Leben des iranischen Großvaters aus Isfahan und die späte Selbstbiographie der Mutter nur fiktive Geschichten wären, die Begegnungen mit Freunden und Menschen aus der literarischen oder religiösen Welt, nur erdachte Kontakte, für die ein posthumes Gedenken ja peinlich und unpassend wären.

Nein, ganz viel Wichtiges an Berichterstattung aus Iran, Afghanistan, Ägypten, Indien, an Reflektion über das Leben als Migrant zwischen zwei oder mehreren Welten und Kulturen, an Würdigung und Verständnis deutscher Literatur, besonders von Hölderlin und Jean Paul  hat  Gottseidank mit der Kategorie Roman nichts zu  tun und ist trotzdem so intensiv und spannend, dass man das Buch doch zu Ende lesen möchte.

Da das Buch offenbar ein authentisches Dokument menschlichen Alltags sein möchte, wird ganz unvermeidlich auch viel vergessenswertes  Blabla referiert, das man dem Autor kritisch ankreiden könnte, wenn man nicht anfänglich die Sache mit der „Überwachungskamera“ akzeptiert hätte. Also, lieber Leser, Brille auf und ran an das dicke Buch des deutschen Literaturpreisträger: Sein Name: Navid Kermani!

(KS-2017)

Das bittere Resümee des Robert.F.Kennedy, Jr.

Allen, die schon immer überzeugt waren, dass die Kriegskatastrophe im Irak und Syrien nicht einfach die grausame Veranstaltung fanatisierter Moslems sei, dem sei  der unten zitierte Artikel  Robert F.Kenndys, Jr. empfohlen, den er im Internetportal http://www.politico.eu publizierte.  Ein bitteres Resümee US-amerikanischer Politik im Nahen und Mittleren Osten, das der Sohn des 1968 ermordeten Justizministers Robert Kennedy hier zieht. Mit „uns“ in der Überschrift ist natürlich vor allem die US-amerikanische Öffentlichkeit gemeint, die blind den patriotischen Parolen ihrer republikanischen Politiker vertraut und sich weigert, zu erkennen, dass die entscheidenden Akteure die Lobbyisten der großen amerikanischen Konzerne sind, die ihre Claims für das globale Big Business abstecken. „War is a racket“ befand schon 1935 General Smedley D. Butler, der für diese Art von Politik in den Krieg geschickt wurde. (KS) 

Warum die Araber uns in Syrien nicht wollen

Von Robert F. Kennedy, Jr.

160317_kennedyAuch da mein Vater von einem Araber ermordet wurde, habe ich mir die Mühe gemacht, die Auswirkungen der US-Politik im Nahen Osten und insbesondere die Faktoren zu verstehen, die zu manchmal blutrünstigen Reaktionen der islamischen Welt gegen unser Land führen. Wenn wir uns auf den Aufstieg des Islamischen Staates fokussieren und uns auf die Suche nach dem Ursprung der Gewalt machen, die so vielen Unschuldigen in Paris und San Bernardino das Leben gekostet hat, müssen wir möglicherweise über die einfachen Erklärungen von Religion und Ideologie hinausblicken. Stattdessen sollten wir die komplexeren Gründe in der Geschichte und im Öl untersuchen, die die Schuld – wie so oft – auf uns zurückverweist.
Sie hassen uns nicht für „unsere Freiheit“. Sie hassen, dass wir unsere Ideale in ihren Ländern verraten haben – für Öl.

Amerika blickt auf eine unappetitliche Tradition an gewalttätigen Interventionen in Syrien zurück. Dies ist dem amerikanischen Volk wenig bekannt, dafür umso mehr jedoch den Syrern. Diese Ereignisse bereiteten den fruchtbaren Boden für den gewaltsamen Islamischen Dschihad, der jetzt eine wirksame Antwort unserer Regierung auf die Herausforderung von ISIL erschwert. Solange sich die amerikanische Öffentlichkeit und Politiker dieser Vergangenheit nicht bewusst sind, verschärfen weitere Eingriffe nur die Krise. Außenminister John Kerry hat in dieser Woche einen „vorläufigen“ Waffenstillstand für Syrien angekündigt. Aber seit der Einfluss und das Ansehen der USA in Syrien auf eine Minimum gesunken sind – und der Waffenstillstand nicht die wichtigsten Kämpfer wie den Islamischen Staat und Al Nusra einschließt –, ist er bestenfalls auf einen brüchigen Waffenstillstand begrenzt. Ähnlich dürfte die von Präsident Obama zunehmende militärische Intervention in Libyen, wo letzte Woche US-Luftangriffe auf ein Trainingslager des Islamischen Staates zielten – die Radikalen wahrscheinlich mehr stärken als schwächen. Wie die „New York Times“ am 8. Dezember 2015 auf der Titelseite berichtete, arbeiten politische Führer und die strategische Planung des Islamischen Staates daran, eine US-amerikanische militärische Intervention zu provozieren. Sie wissen aus Erfahrung, dass dies ihre Reihen mit freiwilligen Kämpfern überschwemmen, die moderaten Stimmen übertönen und die islamische Welt gegen Amerika vereinigen wird.

Um diese Dynamik verstehen zu können, müssen wir die Geschichte aus der syrischen Perspektive und insbesondere die Wurzeln des aktuellen Konflikts betrachten. Lange bevor unsere Besetzung des Iraks 2003 sunnitische Aufstände auslöste, die die Gestalt des Islamischen Staat annahmen, hatte die CIA den gewaltsamen Djihad als Waffe des Kalten Kriegs genährt und dadurch giftiges Gepäck verschickt, das die Beziehungen zwischen Syrien und der USA belastet.

Dies geschah in den USA nicht ohne Kontroverse. Nach einem gescheiterten Putsch der CIA in Syrien, brachte im Juli 1957 mein Onkel, Senator John F. Kennedy, das Weiße Haus samt Präsident Eisenhower, die Führer der beiden Parteien und unsere europäischen Verbündeten gleichzeitig mit einer historischen Rede auf, in der er das Recht auf Selbstbestimmung in der arabischen Welt und ein Ende der amerikanischen imperialistischen Einmischung in den arabischen Ländern befürwortete. Im Laufe meines Lebens, und besonders während meiner häufigen Reisen in den Nahen Osten, haben mich unzählige Araber liebevoll an diese Rede als die klarste Verkündung eines Idealismus erinnert, den sie von den USA erwarteten. Kennedys Rede war ein Aufruf zur Neuausrichtung Amerikas auf die hohen Werte unseres Landes, die in der Atlantik-Charta festgeschrieben sind; die formelle Zusage, dass alle ehemaligen europäischen Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg das Recht auf Selbstbestimmung haben würden. Franklin D. Roosevelt hatte Winston Churchill und die anderen Führer der Alliierten dazu gedrängt, die Atlantik-Charta im Jahre 1941 als Voraussetzung für die US-Unterstützung in dem europäischen Krieg gegen den Faschismus zu unterzeichnen.

Dank Allan Dulles und der CIA, deren außenpolitische Intrigen oftmals im direkten Widerspruch zur erklärten Politik standen, wurde der in der Atlantik-Charta skizzierte idealistische Weg nicht eingeschlagen. Im Jahr 1957 setzte mein Großvater, Botschafter Joseph P. Kennedy, auf einen geheimen Ausschuss zur Untersuchung des illegalen Treibens der CIA im Nahen Osten. Der sogenannte „Bruce-Lovett Report“, dessen Unterzeichner er war, beschrieb CIA-Umsturzpläne in Jordanien, Syrien, Iran, Irak und Ägypten, die alle auf der arabischen Seite allgemein bekannt waren. Den amerikanischen Bürgern blieben sie so gut wie unbekannt und man glaubte auch den Dementis unserer Regierung. Der Bericht machte die CIA für den grassierenden Antiamerikanismus verantwortlich, der auf mysteriöse Weise „heute in vielen Ländern der Welt“ verwurzelt ist. Der Bruce-Lovett Bericht wies darauf hin, dass solche Interventionen konträr zu den amerikanischen Werten stünden und Amerikas internationale Führung und moralische Autorität ohne das Wissen des amerikanischen Volkes kompromittierten. Der Bericht sagte auch, dass die CIA nie darüber nachgedacht habe, wie wir auf solche Eingriffe reagieren würden, wenn ausländische Regierungen sie in unserem Land inszenieren würden.

Das ist diese blutige Geschichte, die moderne Interventionisten wie George W. Bush, Ted Cruz und Marco Rubio auslassen, wenn sie ihren narzisstischen Tropus, dass die Nationalisten des Mittleren Osten „uns für unsere Freiheit hassen“, rezitieren. Der größte Teil tut es nicht, stattdessen hassen – sie uns für die Art, wie wir diese Freiheiten verraten – unsere eigenen Ideale – innerhalb ihrer Grenzen.

Damit die Amerikaner wirklich verstehen, was vor sich geht, ist es wichtig auf einige Details der schäbigen, aber kaum in Erinnerung gebliebenen Geschichte zurückzublicken.

Weiterlesenhttp://www.nachdenkseiten.de/?p=32213

Mit Dank an das Internetportal://www.nachdenkseiten.de/, das den Artikel für deutsche Leser zugängig machte. (KS)