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Wenn man ein Problem leugnet…

Einmal abgesehen davon, dass die Überschrift des unten zitierten Artikels aus der FAZ –  „Terrorismus und Islam hängen zusammen “ – eine Blabla-Überschrift darstellt, die das informierende Interview mit einem wirklich informierten muslimischen Gelehrten nicht verdient hat, zeigt die Reaktion im „Netz“ und den „sozialen Medien“, dass der Artikel vor allem von solchen Leuten zitiert und gelobt wird, die den Islam lieber grundsätzlich als Terror-Religion einstufen und verbieten würden

.Der tapfere Haji Staquf als Kronzeuge  dieser Leute könnte einem fast leid tun, wenn er nicht ein lebendiger Kronzeuge der gewaltigen und leider auch gewalttätigen  Auseinandersetzungen  der Gesellschaften des muslimischen Kulturkreises wäre. Der Islam ringt dort um seine weltanschaulich-religiöse Bedeutung für die moderne Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Islamischer Fundamentalismus – auch Islamismus genannt – möchte die Muslime des 21. Jahrhunderts  in eine Lebensform und Weltanschauung des 7. Jahrhunderts zurück zwingen, die sie als die gottgewollte und einzig gültige propagieren.

Kyai Staquf kommt aus Indonesien, einem Land, das bei seiner Gründung 1945, sich bewusst  eine säkuläre Verfassung gab, die das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Kulturen garantieren sollte, ringt heute auf vielen Ebenen um die Gültigkeit dieser Verfassung „Pancasila“. Kyai Staquf steht als Generalsekretär der NU (Nadlatul Ulama) und Verteidiger eines modernen Islam in  vorderster Front gegen die fundamentalistischen Strömungen in seiner Heimat. Klartext sei auch in Europa angesagt, mahnt er. Der Deckmantel der Religionsfreiheit sollte einem fundamentalistischen Islam nicht zugestanden werden. (KS)

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) – 19.08.2017  (Printausgabe)

Terrorismus und Islam hängen zusammen

Ein Interview von Marco Stahlhut  (FAZ)                                      

Wenn Bomben Terror in die Städte bringen, sind meist Muslime die Täter. Das hat seinen Grund, und der Westen muss anders damit umgehen als bislang üblich.

Kyai Haji Yahya Cholil Staquf stammt aus einer sunnitischen Gelehrtenfamilie. Er ist Generalsekretär des Obersten Rats van Nahdlatul Ulama, der größten muslimischen Vereinigung Indonesiens, das wiederum das Land mit den meisten Muslimen ist. Nahdlatul Ulama gibt ihre Mitgliederzahl mit fünfzig Millionen an und versteht sich zumindest in Teilen als moderat. Yahya Cholil Staquf gehört dem spirituell orientierten Flügel der Organisation an. F.A.Z

Im Westen gibt es viele Politiker und Intellektuelle, die sagen, dass der islamistische Terror nichts mit dem Islam zu tun habe. Was sagen Sie als führendes Mitglied der wohl größten sunnitischen Massenorganisation der Welt dazu, der indonesischen Nahdlatul Ulama?

Westliche Politiker sollten aufhören, zu behaupten, Extremismus und Terrorismus hätten nichts mit dem Islam zu tun. Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen Fundamentalismus, Terror und Grundannahmen der islamischen Orthodoxie. Solange wir darüber keinen Konsens erzielen, so lange werden wir keinen endgültigen Sieg über die fundamentalistische Gewalt im Islam erreichen. Radikalislamische Bewegungen sind doch nichts Neues. Auch in der indonesischen Geschichte gab es sie immer wieder. Ich bin selbst gläubiger Muslim. Der Westen muss aufhören, das Nachdenken über diese Fragen für islamophob zu erklären. Oder will man mich, einen islamischen Gelehrten, auch islamophob nennen?

Welche Grundannahmen des traditionellen Islams sind problematisch?

Drei Bereiche, wir nennen sie die „centers of concern“, sind besonders wichtig.               Erstens das Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen. Zweitens das Verhältnis von Muslimen zum Staat. Drittens das muslimische Verhältnis zum Recht.

Fangen wir mit dem Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen an. Was ist am traditionellen Verständnis davon problematisch?

In der klassischen Tradition ist das Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen eines von Segregation und Feindschaft. Dafür mag es Gründe gegeben haben im Mittelalter, als die islamische Orthodoxie sich konsolidiert hat, aber heutzutage ist eine solche Lehre schlicht unvernünftig. Sie macht ein friedliches Leben von Muslimen in den multikulturellen, sen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts tendenziell unmöglich.

 Das sind harte Aussagen. Kämen sie von einem westlichen Politiker, würde ihm womöglich Rassismus vorgeworfen.

Ich sage nicht, dass der Islam das Einzige ist, was die muslimischen Minderheiten im Westen dazu bringt, ein mehr oder weniger segregiertes Leben abseits der Mehrheitsgesellschaft zu leben. Es mag weitere Faktoren auf der Seite der Gastgebergesellschaft geben, Rassismus zum Beispiel, wie überall. Aber jedenfalls ist der traditionelle Islam, der eine Haltung von Segregation und Feindschaft gegen-über Nichtmuslimen fördert, ein wichtiger Grund.

Nun zum zweiten Punkt, dem traditionellen muslimischen Verhältnis zum Staat.

In der islamischen Tradition ist der Staat als universaler, einheitlicher Staat für alle Muslime konzipiert, mit einem Einzelherrscher an der Spitze, der die muslimische gegen die nichtmuslimische Welt vereinigt.

Zumindest in dieser Hinsicht ist der Ruf von radikalen Kräften wie dem IS nach einem Kalifat also nicht unislamisch?

Nein, in dieser Hinsicht entspricht der IS der Tradition. Aber wir leben in einer Welt von Nationalstaaten, und jeder Versuch, im 21. Jahrhunderts einen einheitlichen islamischen Staat zu schaffen, kann nur zu Chaos und Gewalt führen.

Der dritte Bereich problematischer Grundannahmen des traditionellen Islams betrifft das Verhältnis zum Recht.

Viele Muslime setzen voraus, dass es eine Gruppe fester, unveränderlicher islamischer Gesetze gibt, auch bekannt als Scharia. Auch das steht im Einklang mit der Tradition, aber es führt zwangsläufig zu Konflikten mit den Gesetzen von säkularen Nationalstaaten. Wir müssen dahin kommen, dass ein Verständnis, das die traditionellen Normen der islamischen Rechtslehre absolut setzt, als falsch gilt. Religiöse Werte und soziale Realität müssen zueinander passen. Und es muss glasklar sein, dass die staatlichen Gesetze Vorrang haben.

Was muss man dafür tun?

In Indonesien waren wir schon einmal so weit, dass sich eine kontextualistische Lesart dieser Grundannahmen im Islam durchgesetzt hatte. Dass indonesische Muslime also mehrheitlich der Meinung waren — ich denke, auch noch sind —, dass bestimmte im Mittelalter entstandene Grundannahmen der Tradition im Kontext ihrer Entstehungszeit verstanden werden müssen, aber bitte nicht als Handlungsanweisung für die Gegenwart. Darüber müsste möglichst weltweit ein Konsens hergestellt werden.

Wie könnte das gelingen?

Wie wir aus der Geschichte wissen, werden Fragen darüber, welche theologischen Interpretationen die richtigen sind, nicht rein theologisch entschieden. Das sind Kämpfe um Autorität, sie haben eine stark politische Dimension. In den Ländern, in denen Muslime eine Mehrheit darstellen, benutzen politische Eliten ihn als Waffe zur Durchsetzung ihrer eigenen Ziele, auch in Indonesien.

Kann man aus Ihrer Perspektive überall auf der Welt eine ähnliche Politisierung des Islams diagnostizieren?

Ich glaube nicht, dass es in europäischen Ländern wie Belgien, Großbritannien oder Dänemark weniger große Probleme in dieser Hinsicht gibt als in Indonesien. Zu viele Muslime sehen die Zivilisation, das friedliche Zusammenleben von Menschen verschiedenen Glaubens, als etwas an, das bekämpft werden muss. Und ich glaube, dass viele Europäer das spüren. Es gibt doch eine immer größere Unzufriedenheit im Westen, was die dortigen muslimischen Minderheiten angeht, eine steigende Furcht vor dem Islam. In diesem Sinne sind auch einige westliche Freunde von mir islamophob. Sie haben Angst vor dem Islam. Wenn ich ehrlich bin, dann kann ich das verstehen.

Was sollte der Westen tun?                                                                                                                                                                                                                                                      Der Westen kann den Muslimen keine moderate Interpretation des Islams aufzwingen. Aber die westlichen Politiker sollten aufhören zu erzählen, dass Fundamentalismus und Gewalt nichts mit dem traditionellen Islam zu tun hätten. Das ist schlicht falsch.

Aber westliche Politiker, die so argumentieren, haben zumindest einen guten Grund dafür: Sie möchten eine Spaltung ihrer Gesellschaften in Muslime und Nichtmuslime nicht noch befördern, möchten nicht zu Rassismus gegenüber Muslimen beitragen.

Diesen Wunsch teile ich. Das ist sogar ein Hauptgrund, warum ich mich so deutlich äußere. Aber so wird das nicht funktionieren. Wenn man ein Problem leugnet, kann man es nicht lösen. Man muss das Problem benennen und sagen, wer und was dafür verantwortlich ist.

Über den Beitrag der islamischen Tradition zu den aktuellen Problemen haben wir geredet. Welche Akteure tragen darüber hinaus zur Zuspitzung der Lage in den letzten Jahren bei?

Was jetzt hinzukommt, ist, dass Saudi-Arabien und andere Golfstaaten überall in der Welt massenhaft Geld verteilen, um ihre ultrakonservative Version des Islams zu verbreiten. Der Westen muss Saudi-Arabien endlich ernsthaft unter Druck setzen, damit aufzuhören.

Was für ein Ziel verfolgen die Saudis denn aus Ihrer Perspektive?

Es sind auch politische Ziele. Saudi Arabien und Iran konkurrieren miteinander um die Vorherrschaft, geopolitisch wie religiös. Iran ist schiitisch. Deshalb ist es für Saudi-Arabien politisch hilfreich zu betonen, dass Schiiten Ungläubige wären. Aber wenn man zugleich alle Ungläubigen zum Feind erklärt, der vernichtet werden darf, bleibt es bei den Schiiten als Gegnern natürlich nicht stehen. Iran unternimmt im Übrigen etwas Ähnliches wie die Saudis, nur in der schiitischen Welt. Aber vor allem die saudische Strategie einer Verbreitung van Wahhabismus und Salafismus hat die Welt in ein Pulverfass verwandelt.

Glauben Sie, dass es noch gelingen kann, das Steuer herumzureißen?

Es hat schon bessere Zeiten gegeben (lacht traurig). Aber wir müssen es zumindest versuchen.

Ich vermute,  Sie und Ihre Organisation sind gefragte Gesprächspartner der Politik im terrorgeplagten Westen?

Wissen Sie, ich bewundere westliche, insbesondere europäische Politiker. Sie denken so wunderbar humanitär. Aber das allein reicht nicht. Wir leben in einer Zeit, in der man realistisch denken und handeln muss.

Das ist eine sehr diplomatische Antwort.

Europa hat aus seinen Fehlern in der Vergangenheit immer noch nicht gelernt. Als ich zuletzt in Brüssel war, habe ich gesehen, wie eine Gruppe arabischer, viel-leicht auch nordafrikanischer Jugendlicher Polizisten bedrängt hat. Meine belgischen Freunde haben gesagt, das sei schon fast alltäglich in Belgien. Warum lässt man das zu? Was macht das für einen Eindruck? Jetzt nimmt Europa, nimmt Deutschland massenhaft Flüchtlinge auf — verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich darf man die Augen nicht vor Not verschließen. Aber man nimmt Flüchtlinge auf, über die man nichts weiß, die am sehr problematischen Gegenden stammen. Extremisten sind nicht dumm.

Ich vermute, wir sind uns einig darin, dass es einen harten rechten Rand in westlichen Gesellschaften gibt, der auch einen moderaten, kontextualistischen Islam ablehnen würde, einfach weil es sich um eine fremde Religion handelt . . .

. . . und es gibt einen harten linksliberalen Rand im Westen, der jedes Nachdenken über die Zusammenhänge zwischen traditionellem Islam, Fundamentalismus und Gewalt als islamophob denunziert. Das muss endlich aufhören. Wie gesagt: Ein Problem, das geleugnet wird, kann nicht gelöst werden.

© FAZ  Das Gespräch führte Marco Stahlhut.

 

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NUR EIN ROMAN – ODER DOCH ETWAS ANDERES?

Navid Kermani: DEIN NAME

Wirklich nur ein Roman  –  oder doch etwas Anderes?

 Das im Jahre 2011 erschienene Buch von Navid Kermani – von der deutschen Literaturkritik einmütig gefeiert  – verdient auch sechs Jahre danach eine Würdigung und auch weiterhin viele Leser.  Wobei man als Leser allerdings schon ein hartnäckiges literarisches Interesse  mitbringen muss, um  nicht irgendwann auf halber Strecke das 1229 Seiten dicke Buch aus der Hand zu legen, das keine Überschriften und keine Kapitel kennt, sondern nur gelegentliche Absätze und graphisch extra ausgeführte Nachrufe auf Verwandte und Freunde. In diesem „Roman“  wird keine Geschichte erzählt, in der die Handlung bei Punkt A beginnt und bei Z zu Ende ist, und man den Schluss nicht verstehen kann, wenn man den Anfang effeff  nicht gelesen hat. Nein, es ist sehr viel schwieriger, und Kermani wollte das offenbar so. Der Autor möge mir verzeihen, wenn ich ihn da missverstanden habe.

Ein fiktiver Romanautor lässt uns nämlich an einem monströsen Projekt teilhaben: einer möglichst getreuen Dokumentation über sein Leben zwischen den Jahren 2006 und 2010, tagebuchartig und manchmal minutengenau. Die unablässig laufende literarische „Überwachungskamera“ dokumentiert besagten Autor über diese Jahre hinweg in seinen verschiedenen Beziehungsfeldern, die häufig miteinander in Konflikt sind, beziehungsweise aufeinander abgestimmt werden müssen –  der Versuch also, unser alltägliches Leben als nicht endende Herausforderung der sich oft widerstreitenden Wünsche, Bedürfnisse und Pflichten zu beschreiben. „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“, wie der Philosoph Precht ein Buch betitelte.  Da lebt jemand als Schriftsteller in Köln und Rom, ist Migrant, Islamexperte, Berichterstatter, Fußballfan, Ehemann, Vater, Sohn, Bruder, Freund, Schwiegersohn, Enkel, um nur die wichtigsten Identitäten zu nennen, die ihn in Beschlag nehmen.

Unser  Protagonist, der fiktive Romanautor, ist also nicht irgendjemand, sondern ein in Deutschland aufgewachsener Sohn iranischer Eltern, der als deutscher Schriftsteller in Deutschland sein Brot für sich und seine Familie verdienen will. Und hier wird es spannend. Denn die Figur des fiktiven Romanautors könnte man dann eigentlich einfach Navid Kermani nennen, auf den ja alle der genannten Merkmale passen. Und es wäre wirklich schade, wenn alles Erzählte nur ein Roman, fiktive Literatur wäre. Schade, wenn das hochinteressante Leben des iranischen Großvaters aus Isfahan und die späte Selbstbiographie der Mutter nur fiktive Geschichten wären, die Begegnungen mit Freunden und Menschen aus der literarischen oder religiösen Welt, nur erdachte Kontakte, für die ein posthumes Gedenken ja peinlich und unpassend wären.

Nein, ganz viel Wichtiges an Berichterstattung aus Iran, Afghanistan, Ägypten, Indien, an Reflektion über das Leben als Migrant zwischen zwei oder mehreren Welten und Kulturen, an Würdigung und Verständnis deutscher Literatur, besonders von Hölderlin und Jean Paul  hat  Gottseidank mit der Kategorie Roman nichts zu  tun und ist trotzdem so intensiv und spannend, dass man das Buch doch zu Ende lesen möchte.

Da das Buch offenbar ein authentisches Dokument menschlichen Alltags sein möchte, wird ganz unvermeidlich auch viel vergessenswertes  Blabla referiert, das man dem Autor kritisch ankreiden könnte, wenn man nicht anfänglich die Sache mit der „Überwachungskamera“ akzeptiert hätte. Also, lieber Leser, Brille auf und ran an das dicke Buch des deutschen Literaturpreisträger: Sein Name: Navid Kermani!

(KS-2017)

MOHAMED – EINE ABRECHNUNG

Hamed Abdel-Samad:   Mohamed – Eine Abrechnung

Abdel-Samads persönliche Recherche zum religiösen „Über-Ich“ des Islam.

Dieses41EZc0UMoKL._AC_US160_ Buch, 2015 im Droemer-Verlag erschienen, hat eine gewaltige Resonanz im Leserpublikum erfahren,  von überschwänglichem Lob bis zu aggressiver Ablehnung im muslimischen Milieu. (siehe Diskussion bei Amazon)             Um es vorweg zu nehmen: Auch wenn man einige Exkurse des Autors (zB:  Mohamed und Maffia u.ä.) für entbehrlich hält, so ist das Buch hoch interessant und empfehlenswert für alle, die sich mit Mohamed und dem Koran noch nicht näher befasst haben. Eine Fundgrube an detaillierter Recherche zum Thema. Vieles wird verständlicher auch an der Situation des Islam in 2016. Kein wissenschaftliches Buch, sondern – wie der Untertitel sagt – „Eine Abrechnung“ des Autors mit dem „Über-Ich“ der Religion seiner Kindheit und Jugend.

„Als ich noch ein streng gläubiger Muslim war, dachte ich, ich wüsste alles über Mohamed, nur weil ich seine Biographie, den Koran und seine zahlreichen Hadithe – seine außerkoranischen Aussagen – gelesen hatte.“ Das schreibt der Autor in der Einführung zu diesem Buch. Und mit dieser Ansicht ist er einer von etwa einer Milliarde Muslimen, seien sie nun mehr oder weniger orthodox, für die aber alle  der Prophet Mohamed und der Koran in einer streng sanktionierten Sphäre unantastbar und nicht hinterfragbar akzeptiert sind.  Abdel-Samad beschreibt dann, wie er im Rahmen seines religionshistorischen Studiums in Deutschland immer mehr in eine kritische Distanz zum Koran und zu Mohamed sich gedrängt sah.

Ist es einem kritischen Verstand von 2015 vorstellbar, dass der Koran  die bis in jede Sure korrekt überlieferte Version eines Buches ist, das in seinem Urtext im Himmel Allahs niedergelegt sein soll? Ist der historische Mann Mohamed wirklich der heilige „beste aller Menschen“, das „Siegel der Propheten“ Gottes? Was weiß man über die Biografie Mohameds, die großen Teils einfach eine Hagiographie – die Legende eines Heiligen, der laut Abdel-Samads Resümee eben nun gar kein Heiliger ist, sondern der durch sein persönliches Schicksal geprägte, ethisch-humanistische Prediger von Mekka, im Laufe seiner kriegerischen Erfolge zum intoleranten Kriegsfürsten von Medina wird.  Wie steht es um die heilige Autorität eines Buches, auf dessen wortwörtliche Zitate sich auch die barbarischen Dschihadisten berufen dürfen, auch wenn der sog. moderate Islam ihnen das im Namen des „wahren Islam“ lautstark verbieten will?

Der Autor fordert eine durchgreifende Reform des Denkens, die nichts weniger ist, als das, was die europäische Aufklärung dem  Christentum Europas  zumutete. Muslime müssen wagen, den Propheten Mohamed aus dem Käfig der Unantastbarkeit zu befreien, den Koran aus seinem literargeschichtlichen Kontext zu verstehen und die sozial-politischen Vorstellungen in dem Jahrhundert zu belassen, wo sie hingehören – im 7. nachchristlichen Jahrhundert.

Dass das kein leichtes Unternehmen sein wird, zeigt die Reaktion ägyptischer Muftis, die den Autor wegen Beleidigung des Islam und des Propheten – sich auf die Autorität des Korans berufend – mit einer „Todes-Fatwah“ belegt haben und den Autor derzeit zwingen, sein Leben von deutscher Polizei rund um die Uhr beschützen zu lassen. Der Autor ist belesen genug, um zu wissen, dass ähnliches auch einem katholischen Apostaten des 18. Jahrhunderts geblüht hätte. Ob ihn dass trösten wird? Ich glaube kaum.  Aber großer Dank und Respekt an den Autor für das notwendige  Buch im 21. Jahrhundert. (KS)

UNGLÄUBIGES STAUNEN

Bildbetrachtungen von und mit Navid Kermani

kermaniJemanden wie mich, der – ich gestehe es – leider noch kein Buch von Navid Kermani gelesen hatte, machte der Titel richtig neugierig: „Ungläubiges Staunen“.  Über was wird hier „ungläubig gestaunt“? Untertitel: Über das Christentum. (Sic!) Zweite Frage: Wer staunt denn hier ungläubig? Das ist nach eigenem Bekenntnis zunächst einmal der Autor selbst: Navid Kermani, ein in Köln lebender deutsch-iranischer Schriftsteller, der mir  in  den vergangenen Jahren durch engagierte Reden und  politische Stellungnahmen deutschlandweit bekannt wurde. Kermani ist Moslem, bekennender Schi’it der muslimischen Tradition seiner aus dem Iran stammenden Familie. Er hat Philosophie und Theaterwissenschaften studiert, in Orientalistik promoviert und staunt über –  das Christentum!

Zu 40 Begegnungen mit christlichem Leben und christlicher Kunst, vornehmlich bedeutenden religiösen Gemälden in Kirchen und Museen nimmt er uns Leser mit. Als schi’itischem Moslem sind ihm Bilder nicht so fremd, wie einem Gläubigen der sunnitischen Tradition. Trotzdem erzeugt er in einem kulturell christlich geprägten Leser „ungläubiges Staunen“ über so viel kenntnisreiche und einfühlsame Betrachtung christlicher Kunst. Wie viel Verständnis für die christliche  Bilderwelt von Opfern, Klage, Liebe und Wundern! Immer wieder blättert man bei der Lektüre zurück zu den Abbildungen, um selbst wahrzunehmen, was Kermani entdeckt hat. Ein begnadeter „Kunstführer“! Seine engagierte Begegnung mit den Bildern, die in ihm selbst die Bewunderung und das ungläubige Staunen über das Christentum auslösen, wird für „christliche“ und „postchristliche“ Leser eine äußerst aufschlussreiche „Religionsstunde“ über den eigenen Glauben, die eigene Religiosität und die Bedeutung der christlich-kulturellen Tradition, die bis dato noch – wie lange noch? – unser Bewusstsein und tägliches Leben bestimmt.

Es ist beileibe nicht das Buch eines zum Christentum konvertierenden Moslems: Jesus als 2. Göttliche Person, der dreifaltige Gott, Kreuzesmystik, Gottesmutter Maria, Messopfer, Kommunion sind christliche „basics“, mit der ein Moslem sich nicht abfinden kann. Für jemanden, der kaum über den Tellerrand seiner eigenen christlichen Tradition hinausgesehen hat, ist es aber zumindest aufschlussreich zu lesen, worum es in der frühen Auseinandersetzung zwischen Islam und römischen Reichschristentum ging und bis heute geht, aber er wird auch bekannt gemacht mit der innigen Verwandtschaft  von christlicher und muslimisch sufistischer Mystik, die zeigt, dass beide Religionen ihre eigentliche Basis in ihrer sehnsüchtigen Liebe zu dem einen Gott haben. (Man lese das Kapitel über den Hl. Franziskus von Asissi.)

Man wünschte in der gegenwärtig negativ so aufgeheizten öffentlichen Diskussion über den Islam und das „christliche Abendland“, diesen besänftigenden Gedanken eine größere Präsenz. Man wünschte sich, dass dieses Buch nicht nur „christliche“ oder „postchristliche“ Leser, sondern auch viele muslimische Leser finden möge, die über dieses Buch so viel Schönes und Wichtiges ihrer eigenen religiösen Tradition finden können, das sie ohne Vorbehalte auch in einer „christlich“-„postchristlichen“ Gesellschaft leben lässt. Insyallah – Volesse Dio!

Eine unbedingte Leseempfehlung und besonderen Dank an meine Schwester H., die mir – wie schon so oft – auf die literarisch wichtige Fährte geholfen hat.   (KS)

Der Islam – an allem schuld – Fragezeichen ?

Der Islam-Irrtum von Michael Thumann

thumannVorneweg: Ein großartiges und ein dringend notwendiges Buch. Auch wenn man zunächst ein wenig über den Titel stutzt und vermuten könnte, wieder einmal hätte ein „Islamexperte“ versucht, uns zu helfen, den „wahren“ vom „falschen Islam“  zu unterscheiden. Aber schon der Untertitel hilft uns auf die richtige Spur: „Europas Angst vor der muslimischen Welt“.

 Dieser Angst, die derzeit in der westlichen Welt so bedrohliche Blüten treibt, möchte der Autor mit konkreten Reportagen aus eben dieser muslimischen Welt entgegentreten. Es geht ihm dabei nicht darum, irgendwelche Gefahren in und aus den Ländern des moslemischen Kulturkreises zu verharmlosen, sondern darum, die These, der Islam sei an allem schuld,  zu entmythologisieren. Deshalb auch das erste Kapitel: „Unsere Islam-Besessenheit“

Welche Rolle spielt die Religion konkret in den Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens? Mit welchen Problemen sind die Länder dieser Region konfrontiert? Michael Thumann lebte als ZEIT-Korrespondent seit 2007 vor Ort in Istanbul und  veröffentlichte dieses Buch 2011 kurz nach den Ereignissen des sog. „Arabischen Frühlings“, in dem eine junge Generation sich gegen die alten korrupten Herrscher in ihren Ländern auflehnte. Das Buch  – heute in 2016 gelesen – berichtet noch nicht über die fatale Katastrophe, die sich mit dieser Auflehnung in Syrien anbahnte und auch noch nicht über die Entstehung des IS und seinen barbarischen Krieg gegen alle Parteien dieser Region.

Thumann berichtet von seinen investigativen Reisen in die Krisenregionen Kurdistans/Nordosttürkei, Nordiraks, Saudi-Arabiens, Ägyptens und des Libanon, berichtet von Gesprächen aus den Rückzugsquartieren der Muslimbrüder  in abgelegenen Wohnvierteln Kairos, mit Frauen aus den Glaspalästen in Riad, mit  islamischen „Neo-Fundamentalisten“ – so nennt er die jihadistische Fraktion der Islamisten – , mit CIA-Agenten und Hisbollah-Kämpfern, er erläutert die Bedeutung der neuen Medien und des Senders Al Jazira und die neuen ökonomischen Machtzentren am Persischen Golf. Besonders aufschlussreich für mich die Information über die Parteien und Kräfteverhältnisse in der Türkei, den Aufstieg und die Bedeutung der AKP, der Partei des Präsidenten Erdogan als Partei der anatolischen Aufsteiger als machtvolle Konkurrenz zu der alten laizistischen kemalistischen Beamten- und Militärelite der Türkei:  Die AKP als etwa so religiös wie  die CDU/CSU früherer Jahre in Deutschland.

Und hier also das Grundanliegen dieses Buches: Die im Westen überschätzte Rolle  des religiös fanatischen Islam in der Problematik dieser Länder. Nach der Analyse Thumanns sind ganz andere – uns sehr bekannte – Phänomene die eigentlichen Gefahren dieser Region auf ihrem Weg in die Moderne: Bevölkerungswachstum, Nationalismus, Kapitalismus, Diktatur und unterdrückte Minderheiten. Bei all diesen gewaltigen Kräften spielt der Islam als Religion keine entscheidende Rolle. Thumann lädt uns zu einem Gedankenexperiment ein und fragt dabei, ob auch nur eines der Probleme des Nahen Ostens gelöst wäre, wenn man sich den Islam aus der Problemlage wegdenken würde: Das Kurdenproblem, Israel und Palästina, Iran-Persien und Saudi Arabien, Ägypten und des Libanon?

Wenn ja, dann immer etwa in der Funktion, wie sie etwa Katholizismus und Protestantismus in den terroristischen Auseinandersetzungen in Nordirland früherer Jahre zwischen der IRA und England  gespielt hat. Es gilt also genau hinzuschauen, wenn die religiöse Karte in diesen Konflikten gezogen wird.

Man möchte allerdings den Autor fragen, ob das auch noch für ein Phänomen wie Al Quaeda und den IS zutrifft, oder etwa für den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten im Irak. Richtig und wichtig scheint der Hinweis, dass es sich auch da um den Machtanspruch der jeweiligen Clans  für diese Region handelt, denen die religiöse Motivation der Jihadis für ihren Machtkampf gerade nützlich ist. Die Länder der muslimischen Welt mit dem fanatischen Islam gleichzusetzen ist genauso falsch, wie die Jihadisten der muslimischen Welt weismachen möchten, die teuflische Kraft des Westens sei das Christentum Amerikas und Europas, das einen Kreuzzug gegen den Islam in aller Welt führen würde.

Auch wenn es ein fast verwegener Wunsch ist: Die Leute von Pegida, AfD und Co. möchten sich doch bitte die Lektüre dieses Buches gönnen, um zu erkennen, wie naiv und uninformiert ihre Parolen sind,  und sie genau in die Falle tappen, die ihnen die Propaganda der jihadistischen Desperados gestellt hat. Dringlich und bedeutsam wäre es aber, dass sich die verantwortlichen Politiker ein informierteres Bild vom Nahen und Mittleren Osten machen würden – dieses   Buch wäre sicherlich hilfreich. Videant Consules!

Danke an meine Schwester H., die mir dieses Buch zu lesen gab.(KS)