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„CONFESSIONES – 2017“

Mit dem Titel „Confessiones“ verbindet sich literaturhistorisch eigentlich der Name des Kirchenlehrers Augustinus, der ( 397- 401 n.Chr.)  in den „Confessiones“ – seinen „Bekenntnissen“ – seinen Lebensweg zum christlichen Glauben aufgeschrieben hat.        Mit „Confessiones – 2017“ habe ich   hier die Bekenntnisse dreier Männer getitelt, die ihren langen Weg nicht in,  sondern aus der überlieferten christlichen Glaubenswelt  beschreiben.

  • Hubertus Halbfas: Glaubensverlust  
  • Kurt Flasch:             Warum ich kein Christ bin
  • Heiner Geissler:     Kann man noch Christ sein – wenn man an Gott zweifeln muss?

Alle drei – bekannte Leute: Kurt Flasch  (geb. 1927),  Deutschlands bekanntester Experte für alte Philosophie-Geschichte, Hubertus Halbfas ( geb. 1932), prominenter Professor der Religionspädagogik und  Heiner Geissler (1930-2017), der streitbare CDU-Politiker, dessen Buch nun fast ein Testament ist, da er 2017- kurz nach dem Erscheinen des Buches – gestorben ist.

Drei Autoren, die im hohen Alter von über 80 Jahren öffentlich Rechenschaft über ihre religiösen Überzeugungen ablegen, nicht als mediale Provokation, sondern als Resümee eines langen Lebensweges in Auseinandersetzung mit den tradierten christlichen Glaubenslehren, die sie nicht mehr teilen können. Jedes dieser Bücher wäre eine eigene Besprechung wert, hat  doch jedes seinen ganz eigenen persönlichen Problemansatz. Schon die Buchtitel verraten das ja.

Gemeinsam ist ihnen jedoch das Fazit, dass das tradierte christliche Credo für einen intellektuell redlichen Menschen von heute so nicht mehr nachvollziehbar sei. Dieses Fazit rechtfertigt vielleicht auch eine gemeinsame Besprechung.  Dass es angesichts der sich leerenden Kirchen nicht einfach um eine Kirchenkrise handelt, der man organisatorisch beikommen könnte, sondern dass es sich um eine fundamentale Krise des christlichen Glaubens handelt, deren Gründe viel tiefer zu suchen sind.   Es geht um die Antwort auf fundamentale Problemkreise:

  • Das christliche Credo als Basis christlicher Glaubensüberzeugung
  • Die heiligen Schriften und die historisch-kritische Textforschung
  • Biblische Gottesvorstellungen und die christliche Theologie
  • Die christliche Erlösungslehre und das dazu gehörige Menschenbild
  • Der Jesus der Evangelien und die dogmatische Christologie
  • Der Anspruch der Kirche und ihr Agieren im Namen Gottes

8112NOKlBuL._SL1500_Die umfassendste Auseinandersetzung mit all diesen Themen liefert der Philosoph Kurt Flasch, und muss das Fazit ziehen, dass es sich für ihn verbietet, sich weiterhin als Christ zu bezeichnen. Nach einem detailliert kenntnisreichen Sich-Umsehen in der christlichen Überlieferungs – und Kirchengeschichte ist es für ihn ein Akt intellektueller Redlichkeit, diesen Schritt zu gehen. Obwohl er dieses Fazit für sich rein persönlich zieht, muss sich der Leser fragen lassen, ob er nach der Lektüre eines so gründlichen Buches einfach weiter so Christ sein kann. Nb.  Flasch lehnt es übrigens dezidiert ab, als Atheist bezeichnet zu werden, da er sich in dieser Frage ja eher als Agnostiker sehe.

41LMtEtT2wLSo weit wie Flasch gehen Hubertus Halbfas und Heiner Geissler nicht, wobei sie sich in der Beurteilung der Glaubens- und Kirchenkrise einig sind. Der Untertitel des Halbfas-Buches „Warum das Christentum sich neu erfinden muss“ zeigt, dass für Halbfas das traditionelle Kirchenchristentum keine Zukunft haben wird. Er glaubt aber, dass es „Wege aus der  Sackgasse“ geben kann, wenn die Kirchen – ob katholisch oder protestantisch – bereit seien, sich strukturell zu ändern und sich auf die wirklichen Schwerpunkte christlicher Botschaft zu konzentrieren.                            Er plädiert dafür, sich auf die Urbotschaft des Jesus der Evangelien zu besinnen und das christologische Erlösungsmodell der paulinischen Theologie hinter sich zu lassen, wo nur Kreuz und Auferstehung Christi wichtig seien, das Leben und die Predigt des historischen Jesus aber keine Rolle spielten. Das sog. apostolische Credo sei das Bekenntnis zu einem  mythologischen Erlösungsmodell,  das heute nicht mehr nachvollziehbar   sei.                                                                                                                               81jzRDDrI5L._SL1500_Laut eigenem Geständnis hat Heiner Geissler in seinen alten Tagen lange mit sich gerungen, ob er dieses Buch schreiben sollte. Es ist ja das Zeugnis eines langen inneren Konfliktes, dessen Konsequenzen ihn in einen unübersehbaren Dissens mit seiner Kirche und seinen Mitchristen führen würde. Dabei fürchtete er nicht so sehr den Konflikt mit den Vertretern der Hierarchie – Geissler ist ein streitbarer Mann,  sondern  um  das  Sich- Ausgrenzen aus der gewohnten religiösen Heimat.

Aber er will sie nicht mehr akzeptieren, die theologisch monströsen Plattitüden, wie sie in jeder Sonntagsliturgie und im „christlichen“ Alltag vorkommen. Sowohl der „liebe“ als auch der „allmächtige“ Gott, ja der immer wieder zitierte  „Gott“  selbst, erscheint ihm als katastrophales Monster angesichts einer Welt, die weder von seiner Liebe noch von seiner Allmacht Zeugnis gibt.

Was sei das für ein Gott, der das millionenfache Leid der Welt einfach geschehen lässt, ohne einen Finger zu rühren? Kann er das nicht oder will er das nicht?   Plastisch und drastisch beschreibt Geissler die  theologische Zwickmühle der traditionellen Theodizee, die schon der Philosoph Lactantius im 3. Jahrhundert formuliert hatte. („Entweder Gott kann das nicht, dann ist er nicht Gott oder er will das nicht, dann ist er eben kein „lieber“ Gott!“)

Was sei das für eine Erlösungslehre, in der Gott seinen Sohn aus Liebe zu uns Menschen  am Kreuz elend sterben lässt, damit seine beleidigte Majestät wieder zufrieden sein kann? Man spürt in Geisslers Text seine Empörung über diese Theologie und den Vorwurf an sich selbst, nicht schon früher nach Konsequenzen gesucht zu haben.

Muss man an einen solchen Gott glauben, um Christ sein zu können? Nein, sagt Geissler. Diesen Gott der Theologen brauchten die Menschen nicht. Die Kirche sollte aufhören, ihn zu predigen und sich auf das Programm des Jesus von Nazareth konzentrieren, der die Bemühung um konkrete verständnisvolle Nächstenliebe zur menschlich wichtigsten Sache erhoben hat.  Das sei die christliche Antwort auf die Situation in dieser Welt.

Fazit: Alle drei Bücher sind unbedingt lesenswert für alle, die sich mit ihrem überlieferten Christenglauben schwer tun, wobei  Kurt Flasch’s Buch mit 265 Seiten das umfangreichste ist, während die beiden anderen mit ca. 100 Seiten eine schnellere Lektüre ermöglichen. Aber alle drei Bücher sind eine „wunderbare  Anstiftung zum eigenen Denken“ wie Denis Schreck von ARD-Druckfrisch meint und auch eine Hilfe auf dem eigenen (religiösen?) Lebensweg.

 KS-Nov -2017

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Europa, was hast du für eine beeindruckende Geistesgeschichte!

Kurt Flasch:  Das philosophische Denken im Mittelalter                                  Von Augustin zu Machiavelli

Eigentlich sehe ich mich außerstande eine angemessene Rezension über ein so profundes Werk zu schreiben. Dazu sollte man von der Materie wirklich mehr verstehen. Aber ich bin fasziniert von dem, was ich zu lesen bekam.                                                                                                                                                                                                                                                             Das Buch ist eine Riesenunternehmung des Autors: Es begreift sich als der Versuch, das ideelle Fundament Europas zu rekonstruieren – von Augustinus zu Machiavelli.

Wichtig: Die Begriffe Mittelalter – Renaissance – Neuzeit täuschen eine Einteilung der Geschichte vor, die es bei genauerem Hinsehen nicht gibt.- Die Philosophiegeschichte ist konkret viel verwobener und mit viel mehr Denkern verbunden, deren Namen nicht allgemein bekannt sind.

Thomas von Aquin z.B. ist de facto nicht so wichtig für die Philosophie des Mittelalters , wie die „Thomisten“ und die katholische Kirche das tradieren.

Ein Kandidat wäre eventuell Marsilius von Padua (1324), der Autor des Defensor Pacis: Man stelle sich – probeweise – einmal vor, es hätte seit dem 15.Jahrhundert mächtige Organisationen (ähnlich den kirchlichen Orden (KS ) gegeben, die ihn – vielleicht zusammen mit Gaunilo und Berengar von Tour, mit Adelhard von Bath und Abaelard, mit Wilhelm von Conches und Thierry von Chartres, mit Siger von Brabant und Dietrich von Freiberg, mit Roger Bacon und Nikolaus  Oresme – als den größten Philosophen des Mittelalters präsentiert hätten. De facto haben Ordensgemeinschaften seit dem 15.Jahrhundert ihre Ordenslehrer genau so aufgebaut. Sie schufen den Anschein, Anselm und Bonaventura, Albert, Thomas von Aquin und Duns Scotus hätten die Summe des mittelalterlichen Denkens gezogen. (Zitat) …was sie nach Flaschs Einschätzung eben nicht repräsentieren.

Sehr aufschlussreich auch die Einbettung der „mittelalterlichen“ Denker und ihrer Ideen in die konkreten historischen Zeitläufe und Auseinandersetzungen um Macht und Einfluss, die ihr Denken provozierten. (Das Sein bestimmt Bewusstsein“? ) Aber auch ihr Einfluss auf das Handeln der politisch Mächtigen ihrer Zeit.

Besonders pikant ein abschließendes Kapitel über Luther und Machiavelli im derzeitig gefeierten Lutherjahr, in dem Luther häufig als Protagonist einer Neuen Zeit dargestellt wird. Unbeschadet seines Mutes und seiner Verdienste um die christliche Reformation, der Rückbesinnung auf die religiösen Wurzeln christlichen Glaubens, ist Luther nach Flasch kein eigentlicher Repräsentant der Neuen Zeit, die ja dem menschlichen Denken und der Kraft der wissenschaftlichen Erkenntnis vertraut.

Da die menschliche Vernunft zur Erkenntnis des wahren Gottes nicht tauge, „ sah er (Luther) sie im Besitz des Satans, als Werkzeug einer widergöttlichen Instanz“ (Zitat) Mit seiner Vorstellungswelt von Himmel und Hölle,  seinem Beharren auf der „Sola scriptura“-Lehre und auch seiner Ablehnung  des heliozentrischen Weltbildes gehört er  eher ins Mittelalter als in die Neue Zeit.

Für Flasch sind eher Leonardo da Vinci und Machiavelli, Erasmus von Rotterdam und Thomas Morus die Protagonisten der Neuen Zeit.

Ein Buch für wen? Trotz der gut verständlichen Sprache – bei Philosophieprofessoren oft nicht selbstverständlich – erfordert der schier unendliche Detailreichtum des Buches einen treuen und wissensdurstigen Leser, der aber dafür mit vielen historischen Einsichten entschädigt wird. Für alle philosophisch-theologisch interessierten Leser aber, ist Kurt Flaschs Buch ein unbedingtes Muss.  (KS)