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Europa, was hast du für eine beeindruckende Geistesgeschichte!

Kurt Flasch:  Das philosophische Denken im Mittelalter                                  Von Augustin zu Machiavelli

Eigentlich sehe ich mich außerstande eine angemessene Rezension über ein so profundes Werk zu schreiben. Dazu sollte man von der Materie wirklich mehr verstehen. Aber ich bin fasziniert von dem, was ich zu lesen bekam.                                                                                                                                                                                                                                                             Das Buch ist eine Riesenunternehmung des Autors: Es begreift sich als der Versuch, das ideelle Fundament Europas zu rekonstruieren – von Augustinus zu Machiavelli.

Wichtig: Die Begriffe Mittelalter – Renaissance – Neuzeit täuschen eine Einteilung der Geschichte vor, die es bei genauerem Hinsehen nicht gibt.- Die Philosophiegeschichte ist konkret viel verwobener und mit viel mehr Denkern verbunden, deren Namen nicht allgemein bekannt sind.

Thomas von Aquin z.B. ist de facto nicht so wichtig für die Philosophie des Mittelalters , wie die „Thomisten“ und die katholische Kirche das tradieren.

Ein Kandidat wäre eventuell Marsilius von Padua (1324), der Autor des Defensor Pacis: Man stelle sich – probeweise – einmal vor, es hätte seit dem 15.Jahrhundert mächtige Organisationen (ähnlich den kirchlichen Orden (KS ) gegeben, die ihn – vielleicht zusammen mit Gaunilo und Berengar von Tour, mit Adelhard von Bath und Abaelard, mit Wilhelm von Conches und Thierry von Chartres, mit Siger von Brabant und Dietrich von Freiberg, mit Roger Bacon und Nikolaus  Oresme – als den größten Philosophen des Mittelalters präsentiert hätten. De facto haben Ordensgemeinschaften seit dem 15.Jahrhundert ihre Ordenslehrer genau so aufgebaut. Sie schufen den Anschein, Anselm und Bonaventura, Albert, Thomas von Aquin und Duns Scotus hätten die Summe des mittelalterlichen Denkens gezogen. (Zitat) …was sie nach Flaschs Einschätzung eben nicht repräsentieren.

Sehr aufschlussreich auch die Einbettung der „mittelalterlichen“ Denker und ihrer Ideen in die konkreten historischen Zeitläufe und Auseinandersetzungen um Macht und Einfluss, die ihr Denken provozierten. (Das Sein bestimmt Bewusstsein“? ) Aber auch ihr Einfluss auf das Handeln der politisch Mächtigen ihrer Zeit.

Besonders pikant ein abschließendes Kapitel über Luther und Machiavelli im derzeitig gefeierten Lutherjahr, in dem Luther häufig als Protagonist einer Neuen Zeit dargestellt wird. Unbeschadet seines Mutes und seiner Verdienste um die christliche Reformation, der Rückbesinnung auf die religiösen Wurzeln christlichen Glaubens, ist Luther nach Flasch kein eigentlicher Repräsentant der Neuen Zeit, die ja dem menschlichen Denken und der Kraft der wissenschaftlichen Erkenntnis vertraut.

Da die menschliche Vernunft zur Erkenntnis des wahren Gottes nicht tauge, „ sah er (Luther) sie im Besitz des Satans, als Werkzeug einer widergöttlichen Instanz“ (Zitat) Mit seiner Vorstellungswelt von Himmel und Hölle,  seinem Beharren auf der „Sola scriptura“-Lehre und auch seiner Ablehnung  des heliozentrischen Weltbildes gehört er  eher ins Mittelalter als in die Neue Zeit.

Für Flasch sind eher Leonardo da Vinci und Machiavelli, Erasmus von Rotterdam und Thomas Morus die Protagonisten der Neuen Zeit.

Ein Buch für wen? Trotz der gut verständlichen Sprache – bei Philosophieprofessoren oft nicht selbstverständlich – erfordert der schier unendliche Detailreichtum des Buches einen treuen und wissensdurstigen Leser, der aber dafür mit vielen historischen Einsichten entschädigt wird. Für alle philosophisch-theologisch interessierten Leser aber, ist Kurt Flaschs Buch ein unbedingtes Muss.  (KS)

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