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Amerikas wunderbare Jahre ?

David Talbot: Das Schachbrett des Teufels 
Die CIA, Allen Dulles und der Aufstieg Amerikas heimlicher Regierung

Wenn der Untertitel nicht unzweideutig klar machte, wovon dieses Buch handelte, dann ließe der Haupttitel fast  einen Thriller des okkulten Genres vermuten.   Aber nein, der Leser bekommt eine ungemein spannende  Dokumentation zu lesen über den allmächtigen Geheimdienst CIA und seine skrupellosen Chefs, die nach dem 2. Weltkrieg  bis in die Ära Präsident Kennedys in den 1960-er Jahren maßgeblich die Politik der USA in aller Welt bestimmten – ein Machtkartell, das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für die Ermordung des Präsidenten Kennedy im November 1963 verantwortlich ist. Das Buch erzählt aus einer Zeit, die in den Erinnerungen älterer Amerikaner als Amerikas wunderbare Nachkriegsjahre gelten. Der 2. Weltkrieg war zu Ende – Amerika der Sieger an allen Fronten. Für die Jugend dieser Zeit die „Rock’nRoll-Jahre“.  Aber waren das wirklich so wunderbare Jahre?

Immer wieder musste ich bei der Lektüre dieses Buches innehalten, um deprimiert zu  verifizieren, was ich da gerade an Unglaublichem gelesen hatte.  Das Buch berichtet zu einem großen Teil über eine Zeit, die auch meine Lebenszeit (*1941 -) ist, über Ereignisse und Namen, die mir durchaus präsent sind. Über deren fatale Hintergründe und Zusammenhänge, ich aber erst durch dieses Buch schlüssig informiert wurde.

Da ist z.B. die bekannte Tatsache, dass der bundesdeutsche Nachrichtendienst BND aus dem militärischen Geheimdienst Nazideutschlands „Fremde Heere Ost“ des General Gehlen entstand. Wie das allerdings zustande kam, zu welchem Preis und unter welchen Auflagen der BND all die Jahre für die CIA funktionierte, das ist wohl wenigen Zeitgenossen klar gewesen. Überhaupt ein deprimiertes  Erstaunen des Lesers über die geheimen Verbindungen noch während des Krieges von Allen Dulles und seinem  Bruder Foster  zu Kontaktleuten in Nazideutschland. Auf Schweizer Banken gebunkertes Nazigold,  – wohl geraubtes Gold aus jüdischem Besitz oder sogar „Blutgold“  aus den KZs -, legte nach dem Krieg den finanziellen Grundstock für die geheimen Aktionen der neugegründeten CIA, mit der Allen Dulles seine eigene Sicht der Prioritäten amerikanischer Weltpolitik durchzusetzen versuchte.

 „Allen Dulles war einer der durchtriebensten Meister verborgener Machtausübung, die Amerika je hervorgebracht hat, und seine ehrgeizigsten Geheimmanöver richteten sich nicht gegen feindliche Regierungen, sondern gegen seine eigene. In Diensten zahlreicher US-Regierungen lernte er diese zu manipulieren und ihre Ziele mitunter auch zu hintertreiben.                          

Aus Sicht der Dulles-Brüder war Demokratie ein Unternehmen, das sorgfältig von den richtigen Männern gesteuert werden musste, nicht etwas, das einfach gewählten Amtsträgern überlassen bleiben durfte, denen die Öffentlichkeit ihr Vertrauen geschenkt hatte. Seit ihren frühesten Tagen an der Wall Street  – wo sie Sullivan & Cromwell führten, die mächtigste Wirtschaftskanzlei der Nation – fühlten sie sich stets an erster Stelle dem Kreis arrivierte, privilegierter Männer verpflichtet, die sie als den wahren Hort der Macht in Amerika ansahen. Obwohl Foster und Allen selbst nicht aus einer jener reichen Familien stammten, die diesen elitären Klub beherrschten, sicherten sie sie sich durch ihre Gewieftheit, ihren missionarischen Eifer und ihre mächtigen Beziehungen einen festen Platz als Führungskräfte dieser exklusiven Welt.“  (Zitat)

Nur so lassen sich die unfasslichen Unternehmen amerikanischer Außenpolitik jener Jahre erklären, in denen  z.B. 1954  im Interesse des US- Bananenunternehmens „United Fruit“ – heute unter dem Namen „Chiquita“ bekannt -, von der CIA ein Staatsstreich in Guatemala inszeniert wurde.  United Fruit  besaß 80% der Plantagen Guatemalas und  kontrollierte bis dahin auch die Regierung  in ihrem Sinne.  (Man erinnere sich an den Ausdruck „Bananenrepublik“!)  Die vom Volk gewählte Regierung  Arbenz hatte  eine Agrarreform zugunsten landloser Bauern in die Wege geleitet, die gar nicht im Sinne von United Fruit war. Das reichte, um im „vitalen Interesse Amerikas“ eine demokratisch gewählte Regierung zu stürzen und das Land in den folgenden Jahrzehnten unter einer Militärdiktatur in einem Albtraum von Mord und  Totschlag versinken zu lassen. Es war dies nur eine von mehreren darauf folgenden dieser skrupellosen Aktionen, mit denen die CIA unliebsame Regierungen durch inszenierte Putsche stürzte,

Es war dieser mörderischen Politmafia, die in der CIA des Allen Dulles ihre extremsten Formen annahm, –  gelungen, die wirtschaftlichen Interessen amerikanischer Konzerne  als die essentiellen Interessen Amerikas und der „freien Welt“ darzustellen. Dazu reichten natürlich nicht einfach die bezahlten Revolvermänner vor Ort, sondern die weltweite Öffentlichkeit musste durch entsprechend gesteuerte Nachrichten gezielt beeinflusst werden. Allen Dulles konnte über seine Beziehungen auf hochintelligente Leute aus den prominenten Universitäten der USA zurückgreifen.  Er nannte ja seinen Dienst nicht einfach „Secret Service“, sondern Central Intelligence  Agency – Zentrale Intelligenz  Agentur.  

Die zentrale Mission, unter der sich damals seine Leute versammelten, war ein fanatischer Antikommunismus.  Das offensive Agieren des sowjetischen Regimes unter Stalin lieferte die nötige Munition, das sich in ein atomares Wettrüsten steigerte, das die Welt bei verschiedenen Gelegenheiten fast in die nukleare Katastrophe geführt  hätte. Selbst Präsident Kennedy, der eigentlich eine ganz neue Politik gegenüber der poststalinistischen Sowjetunion einleiten wollte,  musste sich  1962 in der sog. „Cubakrise“ einer  solchen katastrophalen Herausforderung stellen.

Das letzte Drittel von Talbots Buch widmet sich ausführlich dem  Kampf  zwischen der Regierung  Kennedy und den Interessen der amerikanischen Konzernvertreter  sowie der Cuba-Mafia, die sich weiterhin auf die Beziehungen des Allen Dulles verließen, obwohl dieser als CIA-Direktor längst entlassen worden war.  Nach allem, was der Leser da erfährt, ist es nicht sehr verwunderlich, dass J.F. Kennedy, der weltweit gefeierte Hoffnungsträger des jungen Amerika,  von seinen Feinden so heimtückisch ermordet wurde. Die Umstände seines Todes lassen auf ein hinterhältig geplantes Attentat schließen, dessen restliche Aufklärung bis heute verhindert wurde.                               

Die CIA gibt es bis dato immer noch. Aber sie muss sich seit längerer Zeit ihre Funktion mit anderen geheimen Diensten, wie z.B. der NSA, teilen und kann nicht mehr so eigenmächtig und unüberwacht agieren, wie sie es zu Zeiten von Allen Dulles tat. Aber wie wir seit den Veröffentlichungen des „Wistleblowers“  Edward Snowden wissen,  hat sich der Anspruch der CIA auf weltweite Überwachung von Freunden und Feinden  Amerikas nicht geändert.

Noch etwas ist aus Allen Dulles Zeiten von fataler Brisanz: Der aktuelle Konflikt der USA mit Iran, der seinen Anfang nahm, als Allen Dulles CIA 1953 im Auftrag britisch-amerikanischer Erdölinteressen den demokratisch gewählten  Präsidenten Mossadegh stürzte und den Schah Reza Pahlewi auf den Thron setzte – mit dem Erfolg, dass seit 1979 ein islamistisches Mullah- Regime die Geschicke Irans bestimmt.  Die  Details dieses folgenschweren „Regimechange“ sind im Buch nachzulesen. (Siehe auch „Irans gestohlene Demokratie“ )

Das “Schachbrett des Teufels“  ist für alle politisch interessierten Zeitgenossen  eine ungeheuer lehrreiche Lektion über die Jahre, die für die deutsche Bundesrepublik zu den Jahren des Wirtschaftswunders und der engen deutsch-amerikanischen Beziehungen zählen. Auch  „ Unsere wunderbaren Jahre“ ?                                                                                                                                         

Fünf Sterne für dieses gut zu lesende Buch und seinen Autor (KS – März 2020)