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… und alles wegen der Muskatnuss!

Das Gold der Bandas   von Horst H. Geerken 

Das einladende Cover des Buches ziert ein schönes Foto einer reifen Muskatfrucht, wie sie wohl ganz wenigen Menschen in Deutschland bekannt sein dürfte: Zu sehen ist nämlich die von dem roten Macis-Netz umgebene schwarz-braune Muskatnuss, die noch in ihrem hellem Fruchtfleisch eingebettet ist. Darüber prangt der verheißungs- volle Titel des Buches: “Das Gold der Bandas”. Sollte der Leser von diesem “Gold” noch nichts gelesen haben, dann führt ihn der Untertitel auf eine etwas richtigere Spur, die allerdings noch nicht ganz verrät, worum es da wirklich geht: “Der verhängnisvolle Schatz der vergessenen Inseln, die einst Weltgeschichte schrieben”.  Welcher Schatz und welche vergessenen Inseln sind das? Ein spannender Titel für ein richtig spannendes Buch, das der Autor Horst H. Geerken 2019 seinen Lesern geschenkt hat.  

Es geht um nichts weniger als um die Geschichte der kolonialen Eroberung der Welt durch die europäischen Seefahrernationen des 16./17.  Jahr-hunderts – Portugal, Spanien, England und in unserem speziellen Fall um die Rolle Hollands (Niederlande) in Südostasien, dem heutigen Indonesien.  Und es geht ganz speziell um die Banda-Inseln – winzige Inselchen im Seegebiet der Molukken im äußersten Osten Indonesiens – und dabei um die Muskatnuss!   

Wurde  uns Schülern der 50-er Jahre im gymnasialen Geschichtsunterricht noch vor allem der ungeheure Wagemut von Seefahrern wie Christoph Columbus, Vasco da Gama oder Ferdinand Magellan gerühmt, die sich auf eine neue Geographie der Erdkugel verlassend die Entdeckung der Welt  auf ihren Schiffen in Angriff nahmen, so wurde uns doch weniger erklärt, warum sie diese Risiken wirklich auf sich nahmen, und welches die konkreten Hoffnungen und Bedingungen ihrer Finanziers waren. Es ging ja dabei um den unbekannten “Seeweg nach Indien”, auf dem dann aber 1492 durch Columbus erst einmal „Amerika“ entdeckt wurde, das er selbst ja sein leben lang für die Küste von „West-Indien“ hielt…   “Der Seeweg nach Indien” war ja aber der Weg zu den in Europa ungeheuer teuren exotischen Gewürzen, wie Pfeffer, Zimt, Kardamon und vor allem der Muskatnuss, die auf langen und nicht bekannten Handelswegen aus Asien über Venedig  an die europäischen Höfe gelangten.

Und spätestens ab da sollte man Horst Geerkens Buch in die Hand nehmen. Auf annähernd 200 Seiten der ersten Hälfte des Buches  erzählt der Autor bewundernswert informiert und detailreich die Geschichte der europäischen Eroberung der Handelswege zu diesen Gewürzen, speziell zur Muskatnuss.  

Die fatale Rolle der Muskatnuss

Diese Gewürznuss wuchs und gedieh auf Grund einzigartiger botanischer Bedingungen bis ins ausgehende 18. Jahrhundert nur auf den Banda-Inseln im heutigen Indonesien, nirgendwo anders  auf der Welt. Heute aus verschiedenen tropischen Ländern importiert, kann man sie für ein paar  Cent in jedem europäischen Supermarkt kaufen. Damals hielten die einheimischen Händler die geographische Lage dieser Inseln vor möglichen Konkurrenten geheim, bis die Portugiesen 1512 diese sagenumwobenen Inselchen doch entdeckten und von da ab als eigenständige Händler – nicht mehr über arabische oder chinesische Zwischenhändler – Muskatnüsse  direkt von den Bewohnern der Banda Inseln kauften und mit riesigen Gewinnen auf den Märkten Europas verkauften. 

Das sollte auch fast 100 Jahre so bleiben, bis englische und vor allem holländische Kaufleute die asiatischen Handelsniederlassungen der Portugiesen zu erobern begannen. 1602 wurde in Amsterdam die Vereinigung holländischer Kaufleute VOC (Vereinigte Ostindische Compagnie) gegründet.  Ihre Chefs, die Generalsgouverneure, mit nahezu unbeschränkter Vollmacht ausgerüstet, agierten als Herren über Leben und Tod in ihrem Reich in Südostasien, nur ihren Auftraggebern in Holland Rechenschaft schuldig.

Mit welcher Brutalität sie dabei agierten, zeigt das Vorgehen des Generalgouverneurs Jan Pieterszoon Coen. Um im Muskathandel mit Europa endgültig das Monopol   der VOC zu garantieren, ließ er  1623 die etwa 15000 Bewohner der Banda-Inseln durch seine Soldaten umbringen, um die Inseln dann mit europäischen Kolonisten zu besiedeln.  Importierte Sklaven aus anderen Gegenden des Archipels mussten die Arbeit in den Muskat-Plantagen übernehmen. Die grausamen Einzelheiten dieses Genozids kann man im Buch nachlesen. Die ökonomische Folge dieser brutalen Untat war für etwa 150 Jahre lang das Muskat-Monopol der VOC im Welthandel. Es garantierte den holländischen Geldgebern – Hollands reichen “Pfeffersäcken” in Amsterdam und Middelburg –  tausendfache Gewinne:  Auf Europas Märkten wurde die Muskatnuss mit Gold aufgewogen! Die armen Bandanesen mussten ihren verhängnisvollen Schatz mit dem Leben bezahlen. 

Die einzigen, die weiterhin versuchten, sich gegen das Diktat der VOC auf den Banda Inseln zu wehren, waren englische Kaufleute, die den Anspruch Englands auf die kleine Banda-Insel Run  unverdrossen  aufrecht erhielten. Im Streit um diese Insel einigte sich England und Holland im Frieden von Breda 1667 durch einen Tausch: Holland bekam die winzige Insel Run und England erhielt im Gegenzug die damals holländische Kolonie Niew Amsterdam, das heutige Manhattan New Yorks.  Und damit schrieb die winzige – heute vergessene – Banda-Insel vor 350 Jahren schon einmal Weltgeschichte. 

Die Reise zu den Bandas 2018

Leser von Horst H. Geerkens Bücher wissen ja, dass man als Leser seiner Bücher auch  immer ein Begleiter seiner persönlichen Recherchen und Erfahrungen ist.  Auch in diesem Buch nimmt er uns mit auf seine Reise zu den Banda-Inseln, seinen Erlebnissen und Begegnungen mit Menschen vor Ort. Eine Fülle von Karten, Bildern, Dokumenten und Fotos belegen eine selten so engagierte Suche nach den Verbindungen zwischen der kolonialen Vergangenheit und dem heutigen Indonesien. Z.B. ist ein hochinteressantes Kapitel dem deutschen Biologen Georg Eberhard Rumpf – Rumphius genannt – gewidmet, der von 1654 bis 1702 in Ambon lebte und arbeitete, und eine gewaltige Forschungsarbeit hinterlassen hat, die inzwischen auch von den Indonesiern gewürdigt wird.

Horst Geerkens Liebe zu Indonesien, das er seit über 55 Jahren kennt und das er als eine zweite Heimat betrachtet, lässt ihn mit indonesischen Augen auf die Erfahrungen der holländischen Kolonialzeit blicken. Sein Resümee teilt den Eindruck vieler geschichtsbewusster Indonesier: Die holländische Kolonialzeit hat den Menschen Indonesiens wenig Gutes und viel Schlechtes beschert.  Das aber ist eine Erfahrung, die Indonesien mit vielen ehemaligen europäischen Kolonien in Asien, Afrika und Amerika teilt.  Das Rassismus-Problem der USA von 2020 ist ein aktuell schmerzlicher Nachhall dieser Epoche. 

Wem ist die über 400 Seiten starke Lektüre zu empfehlen?                          Fans von H.H. Geerkens Büchern brauchen ja eigentlich keine Empfehlung. Sie kennen und lieben die authentische Art des Autors von seinen indonesischen Erfahrungen und Recherchen zu berichten. Auch dieses Buch über die Reise zu den Banda-Inseln ist wieder sehr typisch und kompetent. Aber es wäre auch ein Buch für alle neuen – vielleicht sogar jungen – Leser, die etwas genauer über die fatale Rolle und das Agieren des “weißen Mannes” in der kolonialen Welt Südostasiens wissen möchten.  Fünf Sterne! (KS -2020)