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NUR EIN ROMAN – ODER DOCH ETWAS ANDERES?

Navid Kermani: DEIN NAME

Wirklich nur ein Roman  –  oder doch etwas Anderes?

 Das im Jahre 2011 erschienene Buch von Navid Kermani – von der deutschen Literaturkritik einmütig gefeiert  – verdient auch sechs Jahre danach eine Würdigung und auch weiterhin viele Leser.  Wobei man als Leser allerdings schon ein hartnäckiges literarisches Interesse  mitbringen muss, um  nicht irgendwann auf halber Strecke das 1229 Seiten dicke Buch aus der Hand zu legen, das keine Überschriften und keine Kapitel kennt, sondern nur gelegentliche Absätze und graphisch extra ausgeführte Nachrufe auf Verwandte und Freunde. In diesem „Roman“  wird keine Geschichte erzählt, in der die Handlung bei Punkt A beginnt und bei Z zu Ende ist, und man den Schluss nicht verstehen kann, wenn man den Anfang effeff  nicht gelesen hat. Nein, es ist sehr viel schwieriger, und Kermani wollte das offenbar so. Der Autor möge mir verzeihen, wenn ich ihn da missverstanden habe.

Ein fiktiver Romanautor lässt uns nämlich an einem monströsen Projekt teilhaben: einer möglichst getreuen Dokumentation über sein Leben zwischen den Jahren 2006 und 2010, tagebuchartig und manchmal minutengenau. Die unablässig laufende literarische „Überwachungskamera“ dokumentiert besagten Autor über diese Jahre hinweg in seinen verschiedenen Beziehungsfeldern, die häufig miteinander in Konflikt sind, beziehungsweise aufeinander abgestimmt werden müssen –  der Versuch also, unser alltägliches Leben als nicht endende Herausforderung der sich oft widerstreitenden Wünsche, Bedürfnisse und Pflichten zu beschreiben. „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“, wie der Philosoph Precht ein Buch betitelte.  Da lebt jemand als Schriftsteller in Köln und Rom, ist Migrant, Islamexperte, Berichterstatter, Fußballfan, Ehemann, Vater, Sohn, Bruder, Freund, Schwiegersohn, Enkel, um nur die wichtigsten Identitäten zu nennen, die ihn in Beschlag nehmen.

Unser  Protagonist, der fiktive Romanautor, ist also nicht irgendjemand, sondern ein in Deutschland aufgewachsener Sohn iranischer Eltern, der als deutscher Schriftsteller in Deutschland sein Brot für sich und seine Familie verdienen will. Und hier wird es spannend. Denn die Figur des fiktiven Romanautors könnte man dann eigentlich einfach Navid Kermani nennen, auf den ja alle der genannten Merkmale passen. Und es wäre wirklich schade, wenn alles Erzählte nur ein Roman, fiktive Literatur wäre. Schade, wenn das hochinteressante Leben des iranischen Großvaters aus Isfahan und die späte Selbstbiographie der Mutter nur fiktive Geschichten wären, die Begegnungen mit Freunden und Menschen aus der literarischen oder religiösen Welt, nur erdachte Kontakte, für die ein posthumes Gedenken ja peinlich und unpassend wären.

Nein, ganz viel Wichtiges an Berichterstattung aus Iran, Afghanistan, Ägypten, Indien, an Reflektion über das Leben als Migrant zwischen zwei oder mehreren Welten und Kulturen, an Würdigung und Verständnis deutscher Literatur, besonders von Hölderlin und Jean Paul  hat  Gottseidank mit der Kategorie Roman nichts zu  tun und ist trotzdem so intensiv und spannend, dass man das Buch doch zu Ende lesen möchte.

Da das Buch offenbar ein authentisches Dokument menschlichen Alltags sein möchte, wird ganz unvermeidlich auch viel vergessenswertes  Blabla referiert, das man dem Autor kritisch ankreiden könnte, wenn man nicht anfänglich die Sache mit der „Überwachungskamera“ akzeptiert hätte. Also, lieber Leser, Brille auf und ran an das dicke Buch des deutschen Literaturpreisträger: Sein Name: Navid Kermani!

(KS-2017)

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UNGLÄUBIGES STAUNEN

Bildbetrachtungen von und mit Navid Kermani

kermaniJemanden wie mich, der – ich gestehe es – leider noch kein Buch von Navid Kermani gelesen hatte, machte der Titel richtig neugierig: „Ungläubiges Staunen“.  Über was wird hier „ungläubig gestaunt“? Untertitel: Über das Christentum. (Sic!) Zweite Frage: Wer staunt denn hier ungläubig? Das ist nach eigenem Bekenntnis zunächst einmal der Autor selbst: Navid Kermani, ein in Köln lebender deutsch-iranischer Schriftsteller, der mir  in  den vergangenen Jahren durch engagierte Reden und  politische Stellungnahmen deutschlandweit bekannt wurde. Kermani ist Moslem, bekennender Schi’it der muslimischen Tradition seiner aus dem Iran stammenden Familie. Er hat Philosophie und Theaterwissenschaften studiert, in Orientalistik promoviert und staunt über –  das Christentum!

Zu 40 Begegnungen mit christlichem Leben und christlicher Kunst, vornehmlich bedeutenden religiösen Gemälden in Kirchen und Museen nimmt er uns Leser mit. Als schi’itischem Moslem sind ihm Bilder nicht so fremd, wie einem Gläubigen der sunnitischen Tradition. Trotzdem erzeugt er in einem kulturell christlich geprägten Leser „ungläubiges Staunen“ über so viel kenntnisreiche und einfühlsame Betrachtung christlicher Kunst. Wie viel Verständnis für die christliche  Bilderwelt von Opfern, Klage, Liebe und Wundern! Immer wieder blättert man bei der Lektüre zurück zu den Abbildungen, um selbst wahrzunehmen, was Kermani entdeckt hat. Ein begnadeter „Kunstführer“! Seine engagierte Begegnung mit den Bildern, die in ihm selbst die Bewunderung und das ungläubige Staunen über das Christentum auslösen, wird für „christliche“ und „postchristliche“ Leser eine äußerst aufschlussreiche „Religionsstunde“ über den eigenen Glauben, die eigene Religiosität und die Bedeutung der christlich-kulturellen Tradition, die bis dato noch – wie lange noch? – unser Bewusstsein und tägliches Leben bestimmt.

Es ist beileibe nicht das Buch eines zum Christentum konvertierenden Moslems: Jesus als 2. Göttliche Person, der dreifaltige Gott, Kreuzesmystik, Gottesmutter Maria, Messopfer, Kommunion sind christliche „basics“, mit der ein Moslem sich nicht abfinden kann. Für jemanden, der kaum über den Tellerrand seiner eigenen christlichen Tradition hinausgesehen hat, ist es aber zumindest aufschlussreich zu lesen, worum es in der frühen Auseinandersetzung zwischen Islam und römischen Reichschristentum ging und bis heute geht, aber er wird auch bekannt gemacht mit der innigen Verwandtschaft  von christlicher und muslimisch sufistischer Mystik, die zeigt, dass beide Religionen ihre eigentliche Basis in ihrer sehnsüchtigen Liebe zu dem einen Gott haben. (Man lese das Kapitel über den Hl. Franziskus von Asissi.)

Man wünschte in der gegenwärtig negativ so aufgeheizten öffentlichen Diskussion über den Islam und das „christliche Abendland“, diesen besänftigenden Gedanken eine größere Präsenz. Man wünschte sich, dass dieses Buch nicht nur „christliche“ oder „postchristliche“ Leser, sondern auch viele muslimische Leser finden möge, die über dieses Buch so viel Schönes und Wichtiges ihrer eigenen religiösen Tradition finden können, das sie ohne Vorbehalte auch in einer „christlich“-„postchristlichen“ Gesellschaft leben lässt. Insyallah – Volesse Dio!

Eine unbedingte Leseempfehlung und besonderen Dank an meine Schwester H., die mir – wie schon so oft – auf die literarisch wichtige Fährte geholfen hat.   (KS)