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Amerikas wunderbare Jahre ?

David Talbot: Das Schachbrett des Teufels 
Die CIA, Allen Dulles und der Aufstieg Amerikas heimlicher Regierung

Wenn der Untertitel nicht unzweideutig klar machte, wovon dieses Buch handelte, dann ließe der Haupttitel fast  einen Krimi des okkulten Genres vermuten.   Aber nein, der Leser bekommt eine spannend erzählte Dokumentation zu lesen über den allmächtigen Geheimdienst CIA und seine skrupellosen Chefs, die nach dem 2. Weltkrieg  bis in die Ära Präsident Kennedys in den 1960-er Jahren maßgeblich die Politik der USA in aller Welt bestimmten – ein Machtkartell, das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für die Ermordung des Präsidenten Kennedy im November 1963 verantwortlich ist.

Immer wieder musste ich bei der Lektüre dieses Buches innehalten, um deprimiert zu  verifizieren, was ich da gerade an Unglaublichem gelesen hatte. Das Buch berichtet zu einem großen Teil über eine Zeit, die auch meine Lebenszeit ist, über Ereignisse und Namen, die mir durchaus präsent sind. Über deren fatale Hintergründe und Zusammenhänge, ich aber erst durch dieses Buch schlüssig informiert wurde.

Da ist z.B. die bekannte Tatsache, dass der bundesdeutsche Nachrichtendienst BND aus dem militärischen Geheimdienst Nazideutschlands „Fremde Heere Ost“ des General Gehlen entstand. Wie das allerdings zustande kam, zu welchem Preis und unter welchen Auflagen der BND all die Jahre für die CIA funktionierte, das ist wohl wenigen Zeitgenossen klar gewesen. Überhaupt ein deprimiertes  Erstaunen des Lesers über die geheimen Verbindungen noch während des Krieges von Allen Dulles und seinem  Bruder Foster  zu Kontaktleuten in Nazideutschland. Auf Schweizer Banken gebunkertes Nazigold,  – wohl geraubtes Gold aus jüdischem Besitz oder sogar „Blutgold“  aus den KZs -, legte nach dem Krieg den finanziellen Grundstock für die geheimen Aktionen der neugegründeten CIA, mit der Allen Dulles seine eigene Sicht der Prioritäten amerikanischer Weltpolitik durchzusetzen versuchte.

 „Allen Dulles war einer der durchtriebensten Meister verborgener Machtausübung, die Amerika je hervorgebracht hat, und seine ehrgeizigsten Geheimmanöver richteten sich nicht gegen feindliche Regierungen, sondern gegen seine eigene. In Diensten zahlreicher US-Regierungen lernte er diese zu manipulieren und ihre Ziele mitunter auch zu hintertreiben.                          

Aus Sicht der Dulles-Brüder war Demokratie ein Unternehmen, das sorgfältig von den richtigen Männern gesteuert werden musste, nicht etwas, das einfach gewählten Amtsträgern überlassen bleiben durfte, denen die Öffentlichkeit ihr Vertrauen geschenkt hatte. Seit ihren frühesten Tagen an der Wall Street  – wo sie Sullivan & Cromwell führten, die mächtigste Wirtschaftskanzlei der Nation – fühlten sie sich stets an erster Stelle dem Kreis arrivierte, privilegierter Männer verpflichtet, die sie als den wahren Hort der Macht in Amerika ansahen. Obwohl Foster und Allen selbst nicht aus einer jener reichen Familien stammten, die diesen elitären Klub beherrschten, sicherten sie sie sich durch ihre Gewieftheit, ihren missionarischen Eifer und ihre mächtigen Beziehungen einen festen Platz als Führungskräfte dieser exklusiven Welt.“  (Zitat)

Nur so lassen sich die unfasslichen Unternehmen amerikanischer Außenpolitik jener Jahre erklären, in denen  z.B. 1954  im Interesse des US- Bananenunternehmens „United Fruit“ – heute unter dem Namen „Chiquita“ bekannt -, von der CIA ein Staatsstreich in Guatemala inszeniert wurde.  United Fruit  besaß 80% der Plantagen Guatemalas und  kontrollierte bis dahin auch die Regierung  in ihrem Sinne.  (Man erinnere sich an den Ausdruck „Bananenrepublik“!)  Die vom Volk gewählte Regierung  Arbenz hatte  eine Agrarreform zugunsten landloser Bauern in die Wege geleitet, die gar nicht im Sinne von United Fruit war. Das reichte, um im „vitalen Interesse Amerikas“ eine demokratisch gewählte Regierung zu stürzen und das Land in den folgenden Jahrzehnten unter einer Militärdiktatur in einem Albtraum von Mord und  Totschlag versinken zu lassen. Es war dies nur eine von mehreren darauf folgenden dieser skrupellosen Aktionen, mit denen die CIA unliebsame Regierungen durch inszenierte Putsche stürzte,

Es war dieser mörderischen Politmafia, die in der CIA des Allen Dulles ihre extremsten Formen annahm, –  gelungen, die wirtschaftlichen Interessen amerikanischer Konzerne  als die essentiellen Interessen Amerikas und der „freien Welt“ darzustellen. Dazu reichten natürlich nicht einfach die bezahlten Revolvermänner vor Ort, sondern die weltweite Öffentlichkeit musste durch entsprechend gesteuerte Nachrichten gezielt beeinflusst werden. Allen Dulles konnte über seine Beziehungen auf hochintelligente Leute aus den prominenten Universitäten der USA zurückgreifen.  Er nannte ja seinen Dienst nicht einfach „Secret Service“, sondern Central Intelligence  Agency – Zentrale Intelligenz  Agentur.  

Die zentrale Mission, unter der sich damals seine Leute versammelten, war ein fanatischer Antikommunismus.  Das offensive Agieren des sowjetischen Regimes unter Stalin lieferte die nötige Munition, das sich in ein atomares Wettrüsten steigerte, das die Welt bei verschiedenen Gelegenheiten fast in die nukleare Katastrophe geführt  hätte. Selbst Präsident Kennedy, der eigentlich eine ganz neue Politik gegenüber der poststalinistischen Sowjetunion einleiten wollte,  musste sich  1962 in der sog. „Cubakrise“ einer  solchen katastrophalen Herausforderung stellen.

Das letzte Drittel von Talbots Buch widmet sich ausführlich dem  Kampf  zwischen der Regierung  Kennedy und den Interessen der amerikanischen Konzernvertreter  sowie der Cuba-Mafia, die sich weiterhin auf die Beziehungen des Allen Dulles verließen, obwohl dieser als CIA-Direktor längst entlassen worden war.  Nach allem, was der Leser da erfährt, ist es nicht sehr verwunderlich, dass J.F. Kennedy, der weltweit gefeierte Hoffnungsträger des jungen Amerika,  von seinen Feinden so heimtückisch ermordet wurde. Die Umstände seines Todes lassen auf ein hinterhältig geplantes Attentat schließen, dessen restliche Aufklärung bis heute verhindert wurde.                               

Die CIA gibt es bis dato immer noch. Aber sie muss sich seit längerer Zeit ihre Funktion mit anderen geheimen Diensten, wie z.B. der NSA, teilen und kann nicht mehr so eigenmächtig und unüberwacht agieren, wie sie es zu Zeiten von Allen Dulles tat. Aber wie wir seit den Veröffentlichungen des „Wistleblowers“  Edward Snowden wissen,  hat sich der Anspruch der CIA auf weltweite Überwachung von Freunden und Feinden  Amerikas nicht geändert.

Noch etwas ist aus Allen Dulles Zeiten von fataler Brisanz: Der aktuelle Konflikt der USA mit Iran, der seinen Anfang nahm, als Allen Dulles CIA 1953 im Auftrag britisch-amerikanischer Erdölinteressen den demokratisch gewählten  Präsidenten Mossadegh stürzte und den Schah Reza Pahlewi auf den Thron setzte – mit dem Erfolg, dass seit 1979 ein islamistisches Mullah- Regime die Geschicke Irans bestimmt.  Die  Details dieses folgenschweren „Regimechange“ sind im Buch nachzulesen. (Siehe auch „Irans gestohlene Demokratie“ )

Das “Schachbrett des Teufels“  ist für alle politisch interessierten Zeitgenossen  eine ungeheuer lehrreiche Lektion über die Jahre, die für die deutsche Bundesrepublik zu den Jahren des Wirtschaftswunders und der engen deutsch-amerikanischen Beziehungen zählen. Auch  „ Unsere wunderbaren Jahre“ ?                                                                                                                                         

Fünf Sterne für dieses gut zu lesende Buch und seinen Autor (KS – März 2020)

Die schmutzigen Deals in Nah-Ost

Ein Satz in meinem letzten Blogbeitrag muss korrigiert werden. Das bin ich der historischen Wahrheit schuldig. Ich schrieb: „Den syrischen Diktator Assad stürzen zu wollen, ohne die Interessen von Putins Russland in die Überlegungen mit einzubeziehen, zeigt aufs Neue die unverständliche Naivität amerikanischer Außenpolitik im Nahen Osten.“  

Den ersten Teil des Satzes bleibt unverändert. Der zweite Teil aber, in dem ich der amerikanischen Außenpolitik „unverständliche Naivität“ unterstellte, darf aber keinesfalls so stehen bleiben. Es muss heißen „zynische Interessenpolitik der USA im Nahen Osten.“! Der Bonus der guten Absichten der USA lässt sich nach „Wiki-Leaks“ einfach nicht halten.

Auf der Suche nach einem roten Faden im Wirrwarr der derzeitigen Kriegskatastrophe in Syrien und im Irak, stieß ich bei YouTube auf einen Vortrag des Schweizer Historikers Dr. Daniele Ganser zum Thema, der sehr anschaulich die unsäglich banalen Hintergründe des derzeitigen Krieges erläutert:

Hier der Link: Dr. Daniele Ganser Es geht um Erdgas und Pipelines!  

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Die Hauptakteure: USA, , Saudi-Arabien, Katar auf der einen Seite, und Iran, Russland, Syrien auf der anderen Seite. Joker ist die Türkei Erdogans, die neben dem erwarteten Gas-Geschäft auch das Kurdenproblem erledigen will.   Der IS spielt nur solange eine eigene Rolle, als es den Hauptakteuren /Finanziers  nützlich erscheint.  Gerade wird er mit amerikanischer Hilfe aus der Millionenstadt  Mossul  vertrieben. Katar und Saudi-Arabien scheinen kein Interesse mehr an ihm zu haben.

Wem der Vortrag Gansers angesichts des Elends, das dieser Krieg über die Menschen dieser Region gebracht hat und bringt, vielleicht etwas zu salopp erscheint, dem sei als Lektüre der engagierte und detaillierte Essay Robert F. Kennedys, Jr. “Warum die Araber uns nicht in Syrien wollen“.

Dem Sohn des 1968 ermordeten amerikanischen Justizministers RobertF.Kennedy kann man wohl nicht „Antiamerikanismus“ und Verschwörungstheorie vorwerfen, wenn er die üble Rolle amerikanischer Außenpolitik und die verdeckten Operationen der CIA  im Nahen Osten erklärt.

Zwei weitere Artikel dazu habe ich im Netz entdeckt und  mit Interesse                                       1. 2013 Schmutzige Deals – Worum es im Syrien-Krieg wirklich geht                                       2. 2016: Energiekrieg um Syrien – Kämpfe nur entlang künftiger Pipelines                                 

Für mich – und wahrscheinlich für viele andere deutsche Zeitgenossen, die allen „Verschwörungstheorien“  ablehnend gegenüber stehen, ist es einfach deprimierend, eingestehen zu müssen, dass wir als  westliche Öffentlichkeit vom  CIA und von ihm beauftragter Werbeagenturen mit ganz gezielter desinformierender Information eingedeckt werden. Dass unsere Medien dem westlichen Partner USA gegenüber nicht kritisch genug sind und   die Schlagzeilen und Bilder im sog. „Krieg gegen den Terror“ über die barbarische Praxis des IS gerne aufgreifen, die sich ja besonders eignen, von wahren Motiven der Hauptakteure abzulenken. Wir glauben ja zu gerne, dass es um Menschenrechte, Demokratie und eine menschlichere Zukunft ginge und eben nicht um Gas und Pipelines.Desinformierende Information!

Unbestreitbar, dass nach dem unseligen Irak-Krieg des G.W.Bush und der „Cheney-Gang“  im destabilisierten Irak ein fataler Religionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten entbrannt ist, der ein barbarisches Gebilde wie den IS erst ermöglichte.  Dass man aber in den Planungsstäben des  CIA im Nachhinein glaubte, das eh brisante Potenzial der religiösen Differenzen der Muslime zu eigenen Zwecken manipulieren zu dürfen, das ist zynisch und verbrecherisch.

Es tut weh, einem eigentlich so sympathischen Präsidenten wie Barak Obama konstatieren zu müssen, dass er das falsche Spiel seiner Administration in Syrien (und übrigens auch in der Ukraine) mitgespielt hat, warum auch immer. Von seiner wahrscheinlichen Nachfolgerin Hillary Clinton ist in der Nahostproblematik eine andere Haltung kaum zu erwarten, nachdem sie als Außenministerin aktiv am „Regime-Change“ in Libyen beteiligt war.

Die auch  bei uns in Deutschland so gern geglaubte These: „Was gut für Amerika, ist auch gut für die Welt!“ – Die Flüchtlingskatastrophe ist der drastische Beleg des Gegenteils. (KS)