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Indonesien 1960

A.E. Johann: „a la indonesia“

Wiedergelesen nach 46 Jahren

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In der  Gebrauchtbuchbörse  von Amazon fiel mir der Titel des Buches in die Augen. Ich hatte es schon einmal gelesen, aber es war schon so lange her ( 1962 ?). In Erinnerung hatte ich dieses Buch als eine sehr negative Bilanz einer Indonesienreise des A.E. Johann  aus dem Jahre 1960. Heute im Jahre 2009 nach der Wieder-Lektüre muss ich gestehen, dass ich das Buch offensichtlich  nicht in angemessener Erinnerung hatte, bzw. es damals mit  unangemessen negativer Brille gelesen hatte. (Muss man der Jugend eigentlich alles nachsehen?)

Jetzt, nachdem meine erste Begegnung mit Indonesien auch schon 40 Jahre zurückliegt, habe ich das Buch mit  Sympathie und großer Bewunderung für den Reisenden A.E. Johann gelesen, der sich  1960 sehr viel Mühe gemacht hat, das Land Indonesien und seine Menschen zur damaligen Zeit kennenzulernen und zu verstehen. Soweit ich in seiner Vita nachlesen konnte, war er als junger Journalist auf Asienreise schon einmal  im Jahre 1929 im damaligen holländischen Insulinde, zumindest auf Java und Bali, das er offensichtlich schon damals lieben gelernt hatte.

Jetzt 1960  ist er anscheinend nicht nur aus privater Reiselust, sondern auch als Kundschafter offizieller  Stellen der damaligen BRD unterwegs  – der Bundesregierung oder von Instituten der deutschen Wirtschaft, denen er als erfahrener Weltreisender von der politischen und ökonomischen Situation des damaligen Indonesien berichten sollte. Im Buch wird nicht näher darauf eingegangen – aber er ist als VIP- Besucher bei den indonesischen Behörden gemeldet und wird auf der ganzen Reise von ihnen so bereit wie streng begleitet.

1960, – 15 Jahre nach seiner Unabhängigkeitserklärung und 11 Jahre nach Beendigung des Unabhängigkeitskrieges mit der Kolonialmacht Holland, –  befindet sich die junge Republik Indonesien in einer gefährlichen politischen und ökonomischen Krise. Präsident Soekarno will das nicht sehen. Er ist außenpolitisch ein erfolgreicher Mann und wird von seinen Anhängern – das sind die meisten Indonesier –  schwärmerisch verehrt, hat aber  von ökonomischen  Sachfragen wenig Ahnung, beziehungsweise er glaubt, diese Dinge mit einer überlegenen Ideologie regeln zu können und zwar „a la Indonesia“  – daher auch der Titel des Buches.  Soekarno glaubt, die Prinzipien der  von ihm entworfenen indonesischen Staatsideologie PANCASILA  müssten ausreichen, um das Land auch zu wirtschaftlichem Erfolg zu führen. Fakt aber ist: Die Clique ökonomischer Dilettanten in der Regierung kann die ehemalige Wirtschaftselite der Holländer und Chinesen, die man enteignet und vertrieben hat, nicht ersetzen. Das Land steuert unaufhaltsam auf das politische Desaster von 1965 zu, das unter dem Namen G30-S in die indonesische Geschichte eingehen und in die Diktatur des „Orde Baru“- Regimes von General Suharto führen wird.

Aber davon ist 1960 natürlich noch keine Rede. Aber die Dinge stehen schlecht, und A.E. Johann sieht und benennt sie. Das Buch war wegen seiner kritischen Passagen auch noch  in der Suharto- Ära in Indonesien verboten, obwohl es sich auf die Zustände der Soekarno-Zeit bezieht.

Einige der Diagnosen und Prognosen Johanns sind allerdings heute noch aktuell:

  • Die  Bevölkerungsentwicklung: Indonesien hat 1960 ca.  80 Mio Einwohner  –  2008  sind es ca. 230 Millionen! Die sog. Transmigrasi = Umsiedlung aus dem überbevölkerten Java auf die Außeninseln wird schon 1960 als untaugliches Mittel gesehen, um der Überbevölkerung Javas zu begegnen.
  • Jakarta / Java und die großen Außeninseln.  Die Einkünfte und Erträge in der zentralistisch geführten Republik bedürfen einer gerechteren Lösung – Die Außeninseln müssen Java ernähren,  fühlen sich aber von der Zentrale Jakarta um ihre Erfolge gebracht.  Erst die Tsunami –Katastrophe hat z.B. für Aceh zur einer Autonomielösung  geführt.   Im Indonesien 2006  waren die Spannungen zwischen javanisch-muslimischen Umsiedlern und einheimisch-christlicher Bevölkerung der Grund für blutige kriegerische Auseinandersetzungen in Ambon,  Sulawesi oder auch  in Kalimantan.
  • Beamtengehälter und Korruption: Die Gehälter der Beamten decken schon damals 1960 nur ca. ein Drittel der Lebenshaltungskosten und zwingen die Beamten, sich  nach anderweitigen Einnahmequellen umzusehen – ein andauernder Grund zur Korruption bis heute.

Aber es sind auch  Entwicklungen eingetreten, die  1960 so nicht vorhersehbar waren:

  • Der kapitalistische Boom.   Er muss sich allerdings fragen lassen, wie er sich noch mit dem von der Verfassung gebotenen Sozialismus a la Indonesia vereinbaren lässt. Trotz gestiegenem statistischen Prokopfeinkommen, wächst de facto die Verelendung des marginalisierten Proletariats in den Millionenstädten Jakarta, Surabaya, Medan,
  • Ein Tourismus, wie er z.B. heute in Bali stattfindet, war nicht zu erwarten.
  • Religiöse Intoleranz als islamistische Radikalisierung von Teilen der Bevölkerung, wie sie heute erfahrbar ist, war 1960 noch nicht zu spüren und auch nicht zu erwarten.  –
  • Die Verkehrsverbindungen zwischen den Regionen  des Riesenlandes sind  durch Flugzeuge und Schiffe weitaus besser geworden. Fakt ist heute auch eine flächendeckende Kommunikation durch Telefon, Radio und Fernsehen.

Aber vieles von dem Indonesien, das A.E. Johann 1960 noch bereist hat, ist unwiederbringliche Vergangenheit. Leider! Viele seiner Schilderungen sind von fesselnd poetischer Kraft und entführen Gedanken und Gefühle zurück in das Indonesien von einst, wie ich es teilweise 1968/69 noch erlebten konnte. Ein wenig Nostalgie sei mir und anderen „Alt-Indonesiern“ ausdrücklich gestattet .

N. Sturm,   Eschweiler   27.02.2009

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