Monthly Archives: September 2016

Aus dem Leben eines egomanen Prolls

Limonow  

von Emmanuel Carrere

downloadHätte ich nicht vor wenigen Wochen Emmanuel Carrere’s “Reich Gottes” mit großer Begeisterung gelesen, ich hätte wohl  sein Buch “Limonow” nicht in die Hand genommen. Und nun bin ich recht froh, es gelesen zu haben. Es ist eine so authentische Auseinandersetzung mit diesem Eduard Limonow und den Russen seiner Generation, dass man bei der Lektüre und ihrer Information fast überfordert wird.         Limonow  ist keine Romanfigur, sondern eine real existierender russischer Schriftsteller. Er selbst bezeichnet sich als “egomanen Proll”, und die Welt darf froh sein, dass er mit seinen Überzeugungen und Ambitionen nicht eine Führungsrolle in der russischen Politik übernehmen konnte.

Eine sehr kompetente Rezension des Buches ist  schon 2012 im SPIEGEL erschienen, in der sowohl das Buch als auch eine Einschätzung der Person Limonows nachzulesen ist.

Man erlaube mir aber noch einige zusätzliche Bemerkungen zum Buch, die für mich sehr aufschlussreich waren:   Carrere schildert sehr detailliert die Tage und Wochen des Zusammenbruchs der Sowjetunion und die Karrieren der neuen Machthaber des nationalen Russland, sowie den Aufstieg der sog. Oligarchen, die sich mit internationaler Hilfe  die russischen Bodenschätze unter ihre Kontrolle brachten – milliardenschwere Kleptokratie. Ebenso kenntnisreich und einfühlsam wird das Schicksal der einfachen Bevölkerung geschildert, die mit diesem Umbruch zurecht kommen musste, für die der – im Westen – so euphorisch gefeierte Zusammenbruch der Sowjetunion vor allem als eine tägliche Versorgungskatastrophe erlebt wird.

Kritisch nachzufragen wäre vielleicht auch, ob Carrere  die Rolle, die das ökonomische Desaster, der verlorene Afghanistankrieg und die islamistischen Aufstände beim Zusammenbruch der Sowjetunion gespielt haben, unterschätzt und die zweifellos wichtige Veröffentlichung sowjetkritischer Bücher überschätzt hat.  Manchmal liest es sich so, als hätten Bücher und ihre Autoren die Sowjetunion zu Fall gebracht?

Carrere’s Buch sei aber all denen dringend empfohlen, für die das Wort “Putin-Versteher” ein beliebtes Schimpfwort ist, und die glauben, dass man es mit Putin nur mit einem zynischen Machtpolitiker zu tun habe, der einfach mit Repression und Gewalt seine eigenen Ambitionen verfolge. Sie wissen nicht oder wollen es nicht wissen, dass Putins Überzeugungen über Russlands Rolle in der internationalen Welt die Überzeugungen einer Mehrheit der russischen Bevölkerung sind, und dass viele Vertreter der – in den westlichen Medien unterstützten – russischen Opposition bei näherer Betrachtung wenig wünschenswerte Partner des Westens wären. Mehr „Delinquenten“ als „Dissidenten“, wie der SPIEGEL schrieb.

Putin ist und war beileibe kein „lupenreiner Demokrat“, wie  Gerhard Schröder behauptete, aber er ist ein –  inzwischen leider zu fast allem –  entschlossener russischer Patriot. Mir scheint ein Zitat aus einer Rede Putins von signifikanter Bedeutung: “Wer den Kommunismus wieder errichten will, hat keinen Verstand. Wer ihm nicht nachtrauert, hat kein Herz.” Aber  “Niemand hat das Recht, 150 Millionen Menschen zu sagen, dass siebzig Jahre ihres Lebens und des Lebens ihrer Eltern und Großeltern, dass alles, woran sie geglaubt und wofür sie gekämpft und sich geopfert haben, dass selbst die Luft, die sie atmeten, Scheisse gewesen sei. Der Kommunismus hat fürchterliche Dinge angerichtet, in Ordnung, aber er war nicht dasselbe wie der Faschismus. Die Gleichsetzung, die westliche Intellektuelle mittlerweile als selbstverständlich hinstellen, ist eine Schande.” (S. 406)

Die erneute Wiederwahl Putins in 2016  zeigt, dass eine  beachtliche Mehrheit der Russen hinter ihrem Präsidenten steht, der vor allem den USA klar gemacht hat, dass man mit Russland auch nach dem Ende der Sowjetunion auf Augenhöhe zu verhandeln habe. Obamas hingeworfene Bemerkung, “Russland sei ja schließlich nur eine Regionalmacht”, zeigt, wie wenig man  in den USA und in der NATO von Russlands Problemen verstanden hat.

Den syrischen Diktator Assad stürzen zu wollen, ohne die Interessen von Putins Russland als seinem Verbündeten in die Überlegungen mit einzubeziehen, zeigt aufs Neue die unverständliche Naivität amerikanischer Außenpolitik im Nahen Osten.  Die Rechnung bezahlt derzeit die syrische Bevölkerung. Man erzähle uns nicht, dass man das nicht hätte vorher wissen können…

Aber all das ist natürlich keine Rechtfertigung für Russlands derzeitige politisch-militärische Aktionen, wie zB. auch  die Krim-Annektion. Auch wenn es Putin partout nicht gefallen sollte, seine jüngste Politik ähnelt fatal der Hitlerschen Nationalpolitik der frühen dreißiger Jahre, die ja als gerechtfertigte Reaktion auf die ungerechte Behandlung Deutschlands in den Friedensverträgen von Versailles vermittelt wurde. Auch hinter dieser Politik stand damals eine Mehrheit der Bevölkerung, wie sie in Russland heute hinter Putin steht. Es sollte dem intelligenten Putin aber auffallen, dass sein ehemaliger Radikalkritiker Limonow und seine „Nationalbolschewiki“, die er früher mit aller Härte bekämpfte, heute fast geschlossen seine Politik unterstützen und nur pro forma weiterhin als Dissidenten verstanden werden wollen.

Echte „Putin-Versteher“ wissen aber, wo das „Verständnis für Putin“ endet und Klartext geredet werden muss.  Es sieht leider nicht gut aus. (KS)

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Nachtrag vom 14.10.2016

Hier eine weitere sehr detaillierte, dreiteilige Beschäftigung mit „Limonow“ :

https://le-bohemien.net/2016/05/18/eduard-limonow/

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Liebe und Tod auf Pulau Buru

ALLE FARBEN ROT

von Laksmi Pamuntjak

ambaEin großartiger Roman und ein wichtiges Buch für  das Indonesien von 2015, das aber auch  international für Aufmerksamkeit sorgte. Als deutscher Leser  muss man allerdings ein wenig Geduld haben mit deutschen Titel: „Alle Farben rot“. Er erschließt sich erst im letzten Kapitel. Im indonesischen Original heißt das Buch einfach nur: AMBA und ist der Erstlingsroman der Autorin Laksmi Pamuntjak, die mit diesem Buch sehr zu Recht  auf die Frankfurter Buchmesse 2015 eingeladen wurde.

Inhalt

Oberflächlich betrachtet ist „Amba“ eine triviale Dreiecksgeschichte: Eine junge Javanerin, in ihren tragischen Gefühlen zwischen zwei bzw. drei Männern, wie sie sich leider häufig in der Welt ereignet – wenn da nicht 1. die Namen der Protagonisten und 2. der Zeitrahmen wäre, in der das Beziehungsdrama sich abspielt.

Die Namen Amba, Bhisma und Salwa sind nämlich die Namen der mythischen Akteure aus dem hinduistischen Sagendrama „Mahabharata“. Deren tragisch verflochtenes Schicksal ist die Matrix für das moderne Drama, das im Indonesien der 1960-er Jahre spielt und sich bis zum Jahr 2009 hinzieht. Es ist die Zeit vor und nach der Machtübernahme des Generals Suharto, die Zeit des Massenmords und der Diskriminierung von Millionen Menschen, die verdächtig werden, einen kommunistischen Staatsstreich unterstützt zu haben.

Die Erzählung beginnt 2006 auf der Insel Buru mit der Suche  über sechzigjährigen Amba nach dem Grab ihres Geliebten und Vater ihrer Tochter Srikandi, den sie vor fast vierzig Jahren aus den Augen verloren hat. Amba, 1965 eine junge Englischstudentin in Jogyakarta, wird von ihren Eltern mit Salwa verlobt, einem  jungen liebenswerten Uni-Dozenten , den sie zwar nett findet, aber  nicht liebt. Bei einem Praktikum als Übersetzerin begegnet sie dem attraktiven Assistenzarzt Bhisma und verliebt sich hoffnungslos in ihn. Bhisma erwidert ihre Liebe und die beiden werden ein Paar. Bhisma stammt aus einer begüterten Familie in Jakarta, hat in Holland und Ostdeutschland Medizin studiert und ist aus dieser Zeit mit vielen Akteuren und Künstlern aus dem sozial-revolutionären Umfeld befreundet.

Im Oktober 1965 nehmen Bhisma und Amba in Jogyakarta an einer demonstrativen Totenfeier für Bhismas ermordeten Studienfreund Untarto, einem angesehenen PKI-Kader  teil, als die Veranstaltung plötzlich von einem Überfallkommando des Militärs unter Beschuss genommen wird. Im Strudel dieser Ereignisse, verlieren sich Amba und Bhisma aus den Augen. Als Amba noch Monate lang später keine Nachricht von Bhisma erhält, beginnt sie an seiner Liebe zu zweifeln, vermutet eine Verbindung Bhismas zu einer anderen Frau. Von Bhisma schwanger, kann Amba nicht zurück zu ihrer Familie. Sie löst die Verlobung mit Salwa und zieht mit dem deutsch-amerikanischen Englischdozenten Adelhard Eilers nach Jakarta, wo die beiden heiraten, und für die Tochter Srikandi sich in den Folgejahren eine gemeinsame Existenz aufbauen

Bhisma jedoch, ist nach den Ereignissen vom Oktober 1965 in Jogyakarta der Kontakt zu Amba verrwehrt, weil  er  als PKI-Sympathisant von den Häschern des Suharto-Regimes verhaftet  und in deren Spezialgefängnissen verschwindet. Auch möchte er verhindern, dass Amba eventuell auch noch verhaftet wird. Später wird er als einer von 12000 Schicksalsgenossen auf die Gefangeneninsel Buru – den Gulag der Suharto-Ära, -deportiert. Er überlebt das Arbeitslager und könnte 1979  nach seiner Entlassung nach Java zurückkehren. Er entschließt sich aber, auf der Insel Buru zu bleiben, wo er der armen Dorfbevölkerung als hochgeschätzter Arzt und Heiler zur Verfügung steht, bis er 2006 bei einer zufälligen Begegnung von einem Ex-Häftling  erschossen wird.

Eine E-Mail eines unbekannten Absenders macht Amba auf den Tod des ehemaligen Geliebten aufmerksam. Amba reist auf die Insel Buru, findet das Grab und ein Bündel versteckter Briefe Bhismas, in denen sie lesen muss, dass sie immer die einzige wahre Liebe Bhismas gewesen war.  Tief getroffen  muss Amba sich eingestehen, mit ihrem damaligen eifersüchtigen Zweifeln an der Liebe Bhismas schuldig geworden zu sein und mit diesem Wissen jetzt weiterleben zu müssen.

Fazit

Laksmi Pamuntjak hat sich mit diesem, 650 Seiten starken, Roman viel vorgenommen.  Beeindruckend: die poetische Kraft ihrer Sprache, ihre sensibel kenntnisreiche Schilderung der javanischen Familien-Verhältnisse, die profunde Recherche der politisch sozialen Problematik der späten Sukarno-Ära und der Lebensumstände auf der Gefangeneninsel Buru.

Frau Pamuntjak 1971 geboren, erlebt Kindheit und Jugend in der „Orde Baru“ (Neuen Ordnung) der Suharto-Ära, die 1997 zu Ende geht. Sie gehört zu der Generation, der von klein auf eingetrichtert wurde, dass  der Militärputsch und die damit verbundenen  Gräueltaten notwendig gewesen seien zur Rettung Indonesiens vor der kommunistischen Gefahr. Das damit begangene Unrecht an Millionen Bürgern und ihren Familien wurde einfach geleugnet, die Kritik daran verboten und verfolgt.

Und hier beginnt die mutige Brisanz dieses Buches, das ja vor allem für indonesische Leser geschrieben wurde. Die Autorin lässt den Leser – das ist vor allem die junge Generation Indonesiens – lebendig teilnehmen an einer Zeit – 1965, in der Präsident Sukarno, der Nationalheld  der Unabhängigkeit, das neu entstandene Indonesien mit seiner Politik in ein sozial-ökonomisches  Desaster gesteuert hatte, das einen Umsturz geradezu herausforderte.    Die für den deutschen Leser oft ermüdend vielen Namen von Orten, Organisationen, Abkürzungen und Erklärungen, sind für den indonesischen Leser von großer Bedeutung, zeigen sie doch, dass die Ereignisse von 1965 doch anders gesehen und bewertet werden müssen, als es die offizielle indonesische Geschichtsschreibung vermitteln wollte.

Eine zweite Ebene ist für das heutige Indonesien von Bedeutung: Der Konflikt der Frauen und Mädchen zwischen der Jahrhunderte gültigen Familientradition, sich den Wünschen der Eltern zu beugen und dem Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben. Amba muss erfahren, welchen Preis die Verhältnisse von einer jungen Frau fordern, deren Schicksal es ist, ihren Weg alleine gehen zu müssen. Wie im Mahabharata gibt es kein einfaches Happy End als mögliche Lösung, sondern nur den Willen, sich dem Schicksal aufrecht zu stellen. (KS)

ps. Ein ganz großes Lob für die deutsche Übersetzerin Martina Heinschke, der eine beeindruckende Übertragung aus dem Indonesischen gelungen ist. Danke!

 

Verlag Ullstein 2015 – ISBN-10: 35500808